Die Bedeutung von AI-KI-Do beginnt sich zu erschliessen durch eine intensive Körperbildung.

Ai Ki Do   –   nicht nur „ein“  Wort?

Ich höre und vergesse,
Ich sehe und erinnere mich,
Ich tue und verstehe!

Leise und eher zurückhaltend trat Mitte der 1960er Jahre Aikido der deutschen Kampfsportszene bei. Nicht nur für Laien wurde die spontan auftauchende Frage „Was ist das denn?“ damals mit Deutungsversuchen der einzelnen Silben (jap. Kanji) beantwortet. Was aber nur selten zu einem nennenswerten Erkenntnisgewinn führte.

Das hat sich zwar in Zeiten des Internet etwas geändert. Ich empfinde das meiste dort nach wie vor als recht unbefriedigend. Manchmal ist es ein bisschen umfassender, häufig aber eher rudimentär. Für diejenigen, denen das ebenfalls zu dürftig ist, will ich daher mal etwas mehr Information wagen.

Die Zusammenfassung dreier Begriffe (Kanji) mit den ihnen eigenen Bedeutungen zu einem neuen eigenständigen Wort verdienen durchaus eine eingehendere Betrachtung. Deutet sich hier bereits eine tiefere Absicht des Aikido-Begründers an? Wollte er mit diesem Wort die Aufmerksamkeit an seiner Kampfkunst in Richtung innerer Entwicklung und Reifung des übenden Menschen lenken? Über das Paradoxon von äußerem Kampf und innerem Frieden?

Die Bedeutung der Wortzusammenfassung Aikido ergibt sich bereits aus der eingehenderen Betrachtung der drei Einzel-Schriftzeichen. Wobei die Zusammensetzung der ersten beiden Silben Aiki für eine besondere Art der Körperbildung stehen.

Japanische Begriffe sind oft nicht einfach zu übersetzen. Schwierig wird eine Übertragung besonders dort, wo es eine Entsprechung in anderen Sprachen nicht wirklich gibt, schon gar nicht im Alltagsgebrauch. Hinzu kommt, das einzelne Silben auch in anderen Zusammenhängen verwendet werden können und dann tritt eine andere Bedeutung stärker hervor.

Hier soll es aber nur um einen Bezug auf diese bestimmte Kampfkunst gehen.

Dieses Kanji bedeutet Zusammenfinden, Harmonie, Vereinigen, Übereinstimmen, Koordination, Körperbildung.

Ai

Das erste Kanji wird allgemein im Sinne von Zusammenfinden, Harmonie, Vereinigen, Übereinstimmen, Koordination verstanden. Im westlich-medizinischen Sinne das harmonische Zusammenwirken der bei einer Bewegung tätigen Muskeln, Sehnen, Gelenke zu insgesamt „ganzheitlichen“ Körperbewegungen.

Was bedeutet das jetzt für die Praxis?

Die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Aikidoüben ist eine solide dynamische Entspannungsfähigkeit. Daher sollten wir uns gleich zu Beginn sehr intensiv mit unserer aktuellen Körperspannung beschäftigen.

Säuglinge und Kleinkinder leben ja noch in einem Zustand vollkommener geistiger(!) und körperlicher Entspannung. Im Laufe des weiteren Lebens werden die Einflüsse von Erziehung, die Einschränkungen des kindlichen und jugendlichen Bewegungsdranges, die Zwänge des Alltags in Schule, Studium, Beruf, Familie usw. immer wirkmächtiger und hinterlassen deutliche Spuren. Die Autobahn in Richtung Anspannung und Verspannung ist breit und großzügig ausgeschildert.

Unsere notwendigen Alltagsbewegungen sind infolgedessen nahezu ausschliesslich beschränkt auf Bewegungen unserer Arme und Hände. Entsprechendes Aikidoüben bezeichne ich schon mal etwas despektierlich als „Armgefuchtel“.

Entspanntheit ist zwar nicht alles, aber ohne Entspanntheit ist alles nichts!

Bedauerlicherweise erfährt der Aikidoübende eine halbwegs brauchbare Entspannungsfähigkeit eher als „schwache Nebenwirkung“. Die gute Nachricht ist, Volkshochschulen und ähnliche Einrichtungen halten ein übergroßes Angebot an Entspannungsverfahren vor. Beispielhaft seien hier „Autogenes Training“ oder die „Feldenkraislehre“ genannt.

Für mich war seinerzeit autogenes Training verfügbar. Entsprechend der Arbeitsauffassung in Meister Asai’s Dojo übte ich diese Techniken 3mal täglich. Wovon ich heute noch in allen Lebensbereichen profitiere.

Bezogen auf einen Partner . . .

. . . erweitert sich die obige Interpretation auf ein unmittelbares Erfassen seiner „Angriffs“-absicht. D. h., durch eine hohe Achtsamkeit und intuitive Wahrnehmung, kooperativ (harmonisch, übereinstimmend, gut zusammenpassend) die eigene Bewegung mit der des Partners zu einer gemeinsamen Aktion vereinen.

Nähere Erläuterungen hierzu weiter unten unter Aiki.

Übungshinweis Um ein gutes Gefühl für ein harmonisches Bewegen zu bekommen, sind große, weite und langsame Ausführungen der Grundtechniken sehr hilfreich. So wird nicht nur die äußere Form schnell erfasst. Gleichzeitig wird ein inneres Wahrnehmen äußerer Bewegungsabläufe ermöglicht. Eine gute partnerschaftliche Unterstützung bringt Übenden einen hohen Gewinn. Ebenso sind Solo-Übungen sehr zu empfehlen. Hierbei lassen sich die Grundtechniken in aller Ruhe ohne äußere Störungen und unabhängig von Ort und Zeit einüben. Jedes noch so kleine Detail innerer Bewegungszusammenhänge läßt sich so intensiv studieren.

Das andere Ai . . .

. . . sorgt in der Aikidoszene immer wieder für eine gewisse Irritation und führt dazu, dass aus Nichtwissen völlig falsche Zusammenhänge mit einer Kampfkunst in die Welt gesetzt werden. Dazu nachfolgend ein kleiner Ausflug in die Sprachwissenschaft:

Es gibt nicht nur in unserer Sprache Worte, die zwar in der Aussprache gleichklingen, aber verschiedene Bedeutungen haben und auch unterschiedlich geschrieben werden, z. B. „Leere“ und „Lehre“.

Mit zwei „ee“ für ein Behältnis ohne Inhalt oder auch als philosophischer Begriff des „Nichts". Mit „eh“ für die Zeit der Ausbildung in einem „Lehr“-Beruf, im Bildungswesen allgemein für Unterweisung, Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten.

Solche Worte werden als „Homophon“ bezeichnet.

Der Begriff „Ai" ist ebenfalls ein solches Homophon und steht nicht nur für die weiter oben beschriebene Interpretation von Harmonie, Gleichklang, sondern hat mit „Liebe" noch eine zweite, völlig andere BedeutungKanji für spirituelle Liebe, geboren aus der Stille und wird auch durch ein ganz anderes Schriftzeichen repräsentiert.

Der Aikidobegründer hat bei vielen Gelegenheiten darauf verwiesen, dass Aikido Liebe sei.

Damit bezieht er sich auf seine spirituellen Erfahrungen und bewegt sich durchaus auf einer Ebene mit anderen Erleuchteten, Meistern, Mystikern aller Kulturen und Zeitalter.

Und schlussfolgert, dass sich eine notwendige Verteidigung gegen den Angriff richten soll und nicht gegen den Angreifer.*)

Für die meisten Menschen sicherlich sehr ambitioniert.

Viele seiner Äußerungen lassen darauf schließen, dass er Liebe als allumfassend, universell, spirituell verstand.

Somit völlig anders als unsere Vorstellungen von Liebe, die wohl eher dem Zeitalter der Romantik entsprechen.

Es ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu kennen, um Mißverständnisse zu vermeiden. Denn Aikido entstammt zwar den Kampfmethoden vergangener Jahrhunderte, ist heute aber für viele zunächst Freizeitbeschäftigung, Sport, für manche vielleicht auch ein Übungsweg - aber keine Religion.

*) Damit bewegt sich Ueshiba durchaus auf einer Ebene mit dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide (1922–1997). Der hat in seinen Ausführungen zur Feindesliebe der Bergpredigt genau diese Unterscheidung von Angreifer und Angriff ins Zentrum seiner „Ent-"Feindungsliebe gestellt. (s.a. Korbiwiki: Entfeindungsliebe als Friedensstrategie)

Dieses Kanji steht für die Vorstellung einer metaphysischen (Lebens-)Energie, Grundenergie, die der gesamten manifesten Welt innewohnt.

Ki

Hierzulande geläufiger unter dem chinesischen Begriff Chi. Andere Bezeichnungen wie Prana (ind.), Mana (hawaii.), Pneuma (griech.) Baraka (arab.), Orgon (W. Reich), Viriditas (Grünkraft – Hildegard von Bingen) sind eher in Fachkreisen bekannt.

Dieses zweite Kanji beschreibt die Grundkraft (-energie), die der gesamten manifesten Welt innewohnt, als metaphysische (Lebens-)Energie, Atem oder Fluidum von fließendem Charakter, positive oder negative Befindlichkeit, spürbare positive oder auch negative Ausstrahlung.

Uns Europäern diese Grundenergie einigermaßen plausibel zu machen, ist schon sehr schwierig. Zumal dieses Phänomen und eine entsprechende Begrifflichkeit bei uns nicht so in der Alltagswelt angekommen ist wie bspw. in Japan oder China. Und die Erklärungsversuche fernöstlicher alter Meister aus vergangenen Tagen machen es für uns auch nicht wirklich einfacher.

Hollywood ist da offensichtlich schon etwas weiter.

„Möge die Macht mit dir sein!“

Das Leben sie erschafft,
zur Entfaltung sie bringt,
ihre Energie uns umgibt,
verbindet mit allem uns,
fühlen sie hier du musst,
zwischen dir, mir,
dem Baum, dem Felsen dort,
allgegenwärtig – ja!

Meister Yoda, Jedi-Ritter, so spricht

Daher ist vielleicht die Darstellung von Eckhart Tolle, einem deutsch-kanadischen spirituellen Lehrer unserer Zeit, etwas hilfreicher und nachvollziehbarer. **)

Er spricht vom Manifesten als der sichtbaren physischen Welt der Formen, in der u.a. auch wir existieren, und dem Unmanifesten als der für uns nichtsichtbaren Quelle aller Dinge. Eine Frage nach dem Ki (Chi) beantwortete er so: „Das Unmanifeste ist die Quelle des Ki. Ki ist auch das innere Energiefeld Deines Körpers. Es ist die Brücke zwischen Dir und der Quelle … Ki kann mit einem Fluss oder einem Energiestrom verglichen werden … Ki ist Bewegung, das Unmanifeste ist Stille … Ki ist die Verbindung zwischen der nichtsichtbaren Quelle und dem physischen Universum.“

**) Eckhart Tolle, Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Die Quelle des Chi, S. 140 ff.

Der Aikidobegründer sah die Welt aus shintoistischer Sicht und wurde besonders von der religiösen Sekte Omoto Kyo beeinflusst. Eines der Bilder, die er häufig in Bezug auf seine Rolle als Schöpfer des Aikido verwendete, war die „schwimmende Brücke des Himmels“. Die Brücke, die Himmel (das Unmanifeste) und Erde (das Manifeste) verbindet.

In unserer christlichen Welt ist das tragende Symbol des Göttlichen die Dreieinigkeit des Vaters (das Unmanifeste?), des Sohnes (das Manifeste?) und des hl. Geistes (Ki?).

Damit können wir uns vielleicht ein klein wenig eher vorstellen, was Ki sein könnte. Und Eckhart Tolle liefert uns auch gleich eine konkrete Anleitung, wie wir es anstellen können, uns diesem nicht leicht verständlichen Ki anzunähern und begreifbar zu machen.

Ki ist wohl die Kraft, die die Welt
im Innersten zusammenhält.

Dieses Kanji repräsentiert die Idee eines aus der inneren Stille sichtbar werdenden Lebensweges, Lebenseinstellung; die unbeirrbare Ausübung des Weges; Nichtanhaften und Nichtabhängigkeit von allen Dingen.

Do

(jap. Entsprechung des chin. TAO)

Das dritte Kanji bedeutet Pfad, Weg, Straße. Unter dem Einfluß des Zen-Buddhismus konnten sich ab dem 17. Jhdt. die kulturellen Künste aus einer reinen Nutzanwendung heraus zu Übungswegen weiterentwickeln. Beispielsweise das Blumenstecken (Ka-dō), die Teezeremonie (Cha-do), die Kalligraphie (Sho-dō). Ebenso auch Kampfkünste wie Ju-do, Ken-do, Iai-do, Karate-do, Aiki-do, Kyu-do.

Aiki

Diese Wortverbindung der beiden Silben „Ai“ und „Ki“ ist sehr alt und war bereits den Samurai geläufig. Sie beschreibt die Idee einer außergewöhnlichen körperlich-geistigen Bewegungsfähigkeit. Hier sollen Kräfte freigesetzt werden, die scheinbar über das Maß menschlicher Möglichkeiten hinausgehen. In Zusammenhang mit den Kampfkünsten umfasst es auch die Fähigkeit, die gedankliche Angriffsabsicht eines Angreifers gleichzeitig wahrnehmen, Angriffe somit bereits in der Entstehung neutralisieren und den Angreifer gut kontrollieren zu können.

Innere Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln

„Nur ein optimal organisierter Körper
kann optimal funktionieren!“

Moshe Feldenkrais,
Begründer der nach ihm benannten Feldenkrais-Lehre

Hierbei geht es um die Bewusstheit einer aufrechten Körperhaltung, um Erdung, Gleichgewicht, Entspanntheit und ein Gefühl für die Wirkungen der Schwerkraft; einer Körperorganisation also, bei der „jeder Teil des Körpers mit jedem anderen Teil verbunden ist“. Bereits hieraus entwickelt sich große „innere Stärke“ und Stabilität.

In den Grundübungen (Kihon Waza) des Aikido ist diese „Körperbildung“ bereits angelegt. Für ein permanent übendes „erinnern“ im normalen Alltag lassen sie sich auch in geeignete Einzelübungen separieren.

Diese innere Stärke setzt eine sehr gute körperliche und auch geistige Entspanntheit voraus. Für eine belastbare Entspannungsfähigkeit sind spezialisierte Verfahren wie bspw. „Autogenes Training“, „Progressive Muskelentspannung nach Jacobson“ oder auch die „Feldenkraislehre“ zu empfehlen, da sie relativ schnell und seriös erarbeitbar sind.

Phänomen Faszien

Das myofasziale Bindegewebe durchzieht den gesamten menschlichen Körper, umhüllt jede Muskelfaser, jeden Knochen und hält unsere Organe an den dafür vorgesehenen Positionen. Sie ist Bestandteil unserer Körperstruktur, Körperspannung und unterstützt darüber hinaus den Kreislauf der Lymphe. Faszien sind das Sinnesorgan sowohl für die Position im Raum als auch für die eigene Körperwahrnehmung.

In der Bewegungseinheit mit der Muskulatur können Kräfte übertragen und gespeichert, Spannungen gehalten, ausgedehnt und wieder zusammengezogen werden. Faszien spielen daher eine wichtige Rolle in den Kampfkünsten.

Aikido

Die Zusammensetzung der weiter oben beschriebenen Begriffe zu diesem Wort wurde zum Namen zunächst einer Kampfkunstkategorie, sollte aber hier bereits auf den Charakter einer Wegübung hinweisen. Aber wieso hat sich dieser Name nahezu ausschließlich auf die Ueshiba-Schule beschränkt?

Die Bezeichnung seiner persönlichen Kampfkunst hatte Morihei Ueshiba im Laufe der Zeit viele Male und je nach Bedarf geändert.

Es war eine staatliche Organisation, Dainippon Butotukai, die zur Förderung der traditionellen japanischen Budoarten 1942 eine neue Sektion für ein „integriertes“ Budo schaffen wollte. Zusätzlich zu den bereits bestehenden Sektionen für Judo, Kendo, Kyudo.

Hierin involviert war ein Ueshiba nahestehender Budomeister namens Minoru Hirai, der maßgeblich zur endgültigen Namensfindung beitrug.

Die alten Kriegskunstschulen (Ryu ha) waren häufig sehr spezialisiert. Die Idee war, diese wegen einer umfassenderen Ausbildung im Budo zusammenzuführen.

Um auch für diese alten Schulen die Weg-Bedeutung hervorzuheben, wurde ein neuer und passender Name gesucht.

Aus dem bereits vorhandenen und aktuell auch von Ueshiba verwendeten Begriff Aiki-Budo wurde die Silbe Bu entfernt. Und damit entstand der heute bekannte Name Aikido.

Dieser wurde dann Ende der 1940er Jahre auch von O-Sensei Ueshiba akzeptiert und endgültig und dauerhaft übernommen.

Wohingegen sich die Ursprungsabsicht des Dainippon Butotukai im Nachkriegsjapan nicht durchsetzen konnte.

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