Japanische Begriffe sind oft nicht einfach zu übersetzen. Schwierig wird eine Übertragung besonders dort, wo es eine Entsprechung in anderen Sprachen nicht wirklich gibt, schon gar nicht im Alltagsgebrauch. Hinzu kommt, das einzelne Silben auch in anderen Zusammenhängen verwendet werden können und dann tritt eine andere Bedeutung stärker hervor. Hier soll es aber nur um einen Bezug auf diese bestimmte Kampfkunst gehen.

Ai

Durch Koordination (im medizinischen Sinne das harmonische Zusammenwirken der bei einer Bewegung tätigen Muskeln, Sehnen, Gelenke) zu insgesamt „ganzheitlichen“ Körperbewegungen.

Bezogen auf einen Partner:
dessen „Angriffs“-absicht durch eine hohe Achtsamkeit und intuitive Wahrnehmung unmittelbar erfassen, kooperativ (d. h. harmonisch, übereinstimmend, gut zusammenpassend) mit der eigenen zu einer gemeinsamen Bewegung vereinen.


Nähere Erläuterungen hierzu weiter unten unter Aiki.

Eine weitere Bedeutung von Ai sorgt in der Aikidoszene immer wieder für eine gewisse Irritation und führt dazu, dass aus Nichtwissen oder sogar Ignoranz völlig falsche Zusammenhänge mit einer Kampfkunst in die Welt gesetzt werden. Dazu nachfolgend ein kleiner Ausflug in die Sprachwissenschaft:

Es gibt, nicht nur in unserer Sprache, Worte, die in der Aussprache gleichklingen, aber verschiedene Bedeutungen haben und auch unterschiedlich geschrieben werden, z. B. „Leere“ und „Lehre“. Einmal mit zwei „ee“ für ein Behältnis ohne Inhalt oder auch als philosophischer Begriff des Nichts. Mit „eh“ für die Zeit der Ausbildung in einem „Lehr“-Beruf, im Bildungswesen allgemein für Unterweisung, Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Solche Worte werden als „Homophon“ bezeichnet.

Der Begriff „Ai" ist ebenfalls ein solches Homophon und steht nicht nur für die weiter oben beschriebene Interpretation von Harmonie, Gleichklang, Kanji für Liebesondern hat mit „Liebe" noch eine zweite, völlig andere Bedeutung und wird auch durch ein ganz anderes Schriftzeichen repräsentiert.

Der Aikidobegründer hat bei vielen Gelegenheiten darauf verwiesen, dass Aikido Liebe sei. Damit verweist er deutlich auf seine spirituellen Erfahrungen und bewegt sich durchaus auf einer Ebene mit anderen Erleuchteten, Meistern, Mystikern aller Kulturen und Zeitalter. Und schlussfolgert, dass sich eine notwendige Verteidigung gegen den Angriff richten soll und nicht gegen den Angreifer. Für die meisten Menschen wohl sehr ambitioniert.

Viele seiner Äußerungen lassen darauf schließen, dass er Liebe als allumfassend, universell, spirituell verstand. Somit völlig anders als unsere Vorstellungen von Liebe, die wohl eher dem Zeitalter der Romantik entsprechen.

Es ist sehr wichtig, diesen Unterschied zu kennen, um Mißverständnisse zu vermeiden. Denn Aikido entstammt zwar den Kampfmethoden vergangener Jahrhunderte, ist heute aber für viele zunächst Freizeitbeschäftigung, Sport, für manche vielleicht auch ein Übungsweg, aber keine Religion.

Ki

auch Chi (chin.), Prana (ind.), Mana (hawaii.), Pneuma (griech.) Baraka (arab.), Orgon (W. Reich), Viriditas (Grünkraft – Hildegard von Bingen);

Grundkraft (-energie), die der gesamten manifesten Welt, also auch Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien innewohnt. Metaphysische (Lebens-)Energie, Atem oder Fluidum von fließendem Charakter, positive oder negative Befindlichkeit, spürbare positive oder auch negative Ausstrahlung.

Das Leben sie erschafft,
zur Entfaltung sie bringt,
ihre Energie uns umgibt,
verbindet mit allem uns,
fühlen sie hier du musst,
zwischen dir, mir,
dem Baum, dem Felsen dort,
allgegenwärtig – ja!

Meister Yoda, Jedi-Ritter

Uns Europäern diese Grundenergie einigermaßen plausibel zu machen, ist schon sehr schwierig. Zumal dieses Phänomen und eine entsprechende Begrifflichkeit bei uns nicht so in der Alltagswelt angekommen ist wie bspw. in Japan oder China. Und die Erklärungsversuche fernöstlicher alter Meister aus vergangenen Tagen machen es für uns auch nicht wirklich einfacher.

Daher ist vielleicht die Darstellung von Eckhart Tolle, einem deutsch-kanadischen spirituellen Lehrer unserer Zeit, etwas hilfreicher und nachvollziehbarer. *)

Er spricht vom Manifesten als der sichtbaren physischen Welt der Formen, in der u. a. auch wir existieren, und dem Unmanifesten als der für uns nichtsichtbaren Quelle aller Dinge. Eine Frage nach dem Ki (Chi) beantwortete er so: „Das Unmanifeste ist die Quelle des Ki. Ki ist auch das innere Energiefeld Deines Körpers. Es ist die Brücke zwischen Dir und der Quelle … Ki kann mit einem Fluss oder einem Energiestrom verglichen werden … Ki ist Bewegung, das Unmanifeste ist Stille … Ki ist die Verbindung zwischen der nichtsichtbaren Quelle und dem physischen Universum.“


*) Eckhart Tolle, Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Die Quelle des Chi, S. 140 ff.

Der Aikidobegründer sah die Welt aus shintoistischer Sicht und wurde besonders von der religiösen Sekte Omoto Kyo beeinflusst. Eines der Bilder, die er häufig in Bezug auf seine Rolle als Schöpfer des Aikido verwendete, war die „schwimmende Brücke des Himmels“. Die Brücke, die Himmel (das Unmanifeste) und Erde (das Manifeste) verbindet.

In unserer christlichen Welt ist das tragende Symbol des Göttlichen die Dreieinigkeit des Vaters (das Unmanifeste?), des Sohnes (das Manifeste?) und des hl. Geistes (Ki?).

Damit können wir uns vielleicht ein klein wenig eher vorstellen, was Ki zu sein scheint. Und Eckhart Tolle liefert uns auch gleich eine konkrete Anleitung, wie wir es anstellen können, uns diesem ominösen Ki anzunähern und begreifbar zu machen.

Ki ist wohl die Kraft, die die Welt
im Innersten zusammenhält.

Do 

(jap. Entsprechung des chin. TAO)

im engeren Sinne permanentes, d. h. regelmässiges, (be-)ständiges (lebenslanges) Betreiben einer bestimmten selbstgewählten Übung; unbeirrbare Ausübung des Weges; Nichtanhaften und der Nichtabhängigkeit von allen Dingen; im übertragenen Sinne auch Bedeutung des eigenen „Lebensweges“, der „Lebenseinstellung“.

Aiki

Diese Wortverbindung der beiden Silben „Ai“ und „Ki“ beschreibt die Idee einer außergewöhnlichen körperlich-geistigen Bewegungsfähigkeit. Hier sollen Kräfte freigesetzt werden, die über das Maß vorstellbarer menschlicher Möglichkeiten hinausgehen. Im Zusammenhang mit den Kampfkünsten umfasst es auch die Fähigkeit, die gedankliche Angriffsabsicht eines Angreifers gleichzeitig wahrnehmen, Angriffe somit bereits in der Entstehung neutralisieren und den Angreifer gut kontrollieren zu können.

Innere Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln

„Nur ein optimal organisierter Körper
kann optimal funktionieren!“

Moshe Feldenkrais

Hierbei geht es um die Bewusstheit einer aufrechten Körperhaltung, um Erdung, Gleichgewicht, Entspanntheit und ein Gefühl für die Wirkungen der Schwerkraft; einer Körperorganisation also, bei der „jeder Teil des Körpers mit jedem anderen Teil verbunden ist“. Bereits hieraus entwickelt sich große „innere Stärke“ und Stabilität.

In den Grundübungen (Kihon Waza) des Aikido ist diese „Körperbildung“ bereits angelegt. Für ein permanent übendes „erinnern“ im normalen Alltag lassen sie sich auch in geeignete Einzelübungen separieren.

Diese innere Stärke setzt eine sehr gute körperliche und auch geistige Entspanntheit voraus. Für eine belastbare Entspannungsfähigkeit sind spezialisierte Verfahren wie bspw. „Autogenes Training“, „Progressive Muskelentspannung nach Jacobson“ oder auch die „Feldenkraislehre“ zu empfehlen, da sie relativ schnell und seriös erarbeitbar sind.

Nur wirklich entspannt können wir die Gegebenheiten und Veränderungen um uns herum erst richtig erfühlen und erspüren. Erst dann erwachsen uns Sensoren, die uns rechtzeitig mit den in unserer jeweiligen Lebenssituation wichtigen Informationen versorgen können.

Lebendige Erinnerung

„Die Fahrt auf der relativ wenig befahrenen Autobahn zog sich hin. Lange gerade Strecken wechselten sich ab mit weit ausholenden Kurven. Langsam wurde aus Dämmerung Dunkelheit. Die Tachonadel pendelte träge um die 170 km/h-Marke. Nach der letzten Kurve wurde der Blick frei auf eine längere Gerade, an deren Ende auf allen drei Fahrspuren Rück- und Warnlichter stehender Autos blinkten und leuchteten. Die Gewissheit einer noch hinreichend großen Entfernung verflüchtigte sich in Sekundenschnelle. Dann war sie schlagartig wieder da, die schon mal erfahrene merkwürdige Klarheit im Kopf. Der Aufprall wäre selbst bei Vollbremsung nicht mehr zu vermeiden, die Insassen, vielleicht sogar Kinder, nicht zu retten. Etwas schaffte sich überdeutlich Raum: ein Leben gegen viele Leben. Ich mußte nach rechts ausweichen. Nach einem flüchtigen Blick in den Rückspiegel zwang ich das Auto auf die mittlere Fahrspur. Ich zählte die Fahrzeuge, an denen ich rechts vorbeifuhr. Eins – zwei – drei – vier Fahrzeuge später kam ich zum Halten. Und dann: Ruhe, Stille. Ein Moment nur, ein sehr kurzer Moment. Trotzdem, eine lange Zeit – kein Denken, nur Handeln. Was blieb – ein tiefes Gefühl von Demut und Dankbarkeit. 
Wenig später floss der Verkehr langsam wieder weiter.“

Phänomen Faszien

Das myofasziale Bindegewebe durchzieht den gesamten menschlichen Körper, umhüllt jede Muskelfaser, jeden Knochen und hält unsere Organe an den dafür vorgesehenen Positionen. Sie ist Bestandteil unserer Körperstruktur, Körperspannung und unterstützt darüber hinaus den Kreislauf der Lymphe. Faszien sind das Sinnesorgan sowohl für die Position im Raum als auch für die eigene Körperwahrnehmung.

In der Bewegungseinheit mit der Muskulatur können Kräfte übertragen und gespeichert, Spannungen gehalten, ausgedehnt und wieder zusammengezogen werden. Faszien spielen daher eine wichtige Rolle in den Kampfkünsten.

Aikido

Das Wort „Aikido“ weist auf den Charakter als Wegübung hin.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben wie die Kunst zu ihrem Namen fand

Die Bezeichnung seiner persönlichen Kampfkunst hat Morihei Ueshiba im Laufe der Zeit viele Male und je nach Bedarf geändert. Es war eine staatliche Organisation, Dainippon Butotukai, die zur Förderung der traditionellen japanischen Budoarten 1942 eine neue Sektion für ein „integriertes“ Budo schaffen wollte. Zusätzlich zu den bereits bestehenden Sektionen für Judo, Kendo, Kyudo. Hierin involviert war ein Ueshiba nahestehender Budomeister namens Minoru Hirai, der maßgeblich zur endgültigen Namensfindung beitrug. Die alten Kriegskunstschulen (Ryu ha) waren häufig sehr spezialisiert. Die Idee war, diese wegen einer umfassenderen Ausbildung im Budo zusammenzuführen. Um auch für diese alten Schulen die Weg-Bedeutung herauszuheben, wurde ein neuer und passender Name gesucht. Aus dem bereits vorhandenen und auch von Ueshiba verwendeten Begriff Aiki-Budo wurde die Silbe Bu entfernt. Und damit entstand der heute bekannte Name Aikido. Dieser wurde dann Ende der 1940er Jahre auch von O-Sensei Ueshiba akzeptiert und endgültig und dauerhaft übernommen. Wohingegen sich die Ursprungsabsicht des Dainippon Butotukai im Nachkriegsjapan nicht durchsetzen konnte.

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