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Gewalt in der Schule – einmal anders betrachtet

von Dr. Jonathan Johannes Düring,

erschienen im „Münsterschwarzacher Ruf in die Zeit“ vom Mai 2005.
Veröffentlichung auf dieser Website mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Besorgt nehmen wir in unserem Land eine zunehmende Gewaltbereitschaft unter den Jugendlichen wahr. Das Thema Gewalt in der Schule und Gewaltprävention steht seit Jahrzehnten ganz weit oben auf der politisch-gesellschaftlichen Themenliste. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht darüber berichten. Über die Gründe der sich offensichtlich immer mehr zuspitzenden Entwicklung wird viel nachgedacht, geforscht und spekuliert.

Ob dabei die in den Kultusministerien beschlossenen Kürzungen im Bereich der Jugendarbeit und das Streichen der meisten Zuschüsse für die Jugendverbände eine richtige Konsequenz sind, darf bezweifelt werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier eingesparte Geld später durch erhöhte Ausgaben im Justizbereich verdunstet, ist dafür umso höher.

Gewalt ist notwendig

Das deutsche Wort Gewalt kommt zunächst einmal von walten, was soviel bedeutet wie verursachen, stark sein, beherrschen. Es ist ebenso verwandt mit dem Wort verwalten, das von seiner mittelhochdeutschen Wurzel her ordnungsgemäß führen, in Ordnung halten, sowie betreuen meint. Auch der Anwalt übt Gewalt aus. Unsere demokratische Verfassung beruht auf der Gewaltenteilung.

Gewalt an sich ist also nichts Negatives – im Gegenteil. Gewalt ist etwas Notwendiges.

Allein: wo sind die Räume und Möglichkeiten an unseren Schulen, in denen die Jugendlichen ihr eigenes Gewaltpotenzial im Sinne von stark sein und sich stark fühlen dürfen entdecken und erfahren können? Das gilt vor allem für die männliche Jugend.

Kontraproduktives Schulsystem

Unser derzeitiges Schulsystem – vor allem was die höheren Schulen angeht, ist kontraproduktiv in Bezug auf die gesunde Entwicklung zu einer kraftvollen und von daher ausgeglichenen Männlichkeit.

Das ganze schulische Lehr- und Lernsystem ist viel mehr auf Mädchen zugeschnitten. So hat man am liebsten ebenso brave Jungs, die sich ruhig, fraglos und ohne aufzufallen oder Probleme zu machen in den Lernbetrieb einfügen.

Die Entfaltung ihrer körperlichen Kräfte und damit eben auch ihrer Fähigkeit, Gewalt auszuüben, wird durch die Lehrpläne erstickt, beziehungsweise durch die Kürzungen im Sportunterricht gar nicht erst ermöglicht.

Die in den Jugendlichen heranwachsende Kraft muss aber gefördert werden, damit sie sich nicht aufstaut, sondern gut fließen kann.

Da jedoch die Gewalt im „System Schule“ keinen geachteten Platz hat, sondern nur eine geächtete Rolle spielen muss, kann sich die ans Licht drängende Kraft auch nicht auf legale Weise entfalten.

Ächtung hilft nicht

Eine Ächtung der Gewalt schadet aber mehr, als dass sie hilft. Vor allem verstellt sie den Blick auf die Gründe (besser: Abgründe) unserer gesellschaftlichen Entwicklung und Wirklichkeit.

Mit Gewalt meinen wir in unserem heutigen Sprachgebrauch eigentlich: Zerstörung. Zerstörung aber ist nur eine von vielen Gewaltfolgen. Sie tritt ein, wenn die Gewalt im Verbund mit Respektlosigkeit auftritt.

Gewaltausübung aus einer Haltung des Respekts heraus bewirkt das genaue Gegenteil, nämlich eine lebensförderliche Ordnung.

Das Grundübel: Die Respektlosigkeit

Hier müssen wir ansetzen, wenn wir uns in der Frage der Gewalt an den Schulen aus der Sackgasse heraus bewegen wollen. Das Grundübel und die Wurzelsünde ist nicht die zerstörerische Gewalttat, sondern das sie ermöglichende und fördernde Klima der Respektlosigkeit.

Der einzelne Mensch mit seinen eigenen Fragen zählt nicht mehr. Eigenständiges Denken und Handeln ist nicht wirklich gewollt. Begründet wird es häufig mit dem Zwang zum Sparen, dahinter aber steht meist als oberste Maxime schlichtweg maximaler Profit – koste es (die andern) was es wolle.

In einem solchen gesellschaftlichen Klima löst sich auch die Achtung vor der Würde des Andern und das Gespür für Recht und Unrecht auf.
Unsere gewalttätigen Jugendlichen machen im letzten nur offenbar, welch zentrale Rolle die profit-, macht- oder geltungsorientierte Respektlosigkeit in unserer Gesellschaft spielt.

Die Grundsehnsucht: Geachtet zu sein

Beim genauen Hinsehen entpuppt sich im Grunde jede Form (nicht nur) jugendlicher Gewaltausübung als ein Schrei nach Beachtung, nach geachtet sein und danach, respektiert zu werden.

Ein Mensch, der sich in seinem Wesen, seiner Würde und seiner Kraft als beachtet und geachtet erfährt, hat es recht bald nicht mehr nötig über andere verächtlich zu reden, oder sie verächtlich zu behandeln.

Dies jedenfalls zeigt die Erfahrung an jenen Schulen, in denen z. B. Kampf- oder Verteidigungskünste wie Judo, Karate, Taekwon Do oder Aikido angeboten werden. Hier wird das Kraft- und Gewaltpotential der Jugendlichen nicht abgelehnt, sondern herausgefördert und dadurch kultiviert.

Je ganzheitlicher das Angebot einer Schule ist und je mehr Ausdrucksmöglichkeiten sie für ihre Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stellen kann, umso geringer ist der Grad der mutwilligen Zerstörung und der Respektlosigkeiten, die in ihr vorkommen.

Dafür auch die erforderlichen finanziellen Mittel und personellen Kräfte bereit zu stellen, wäre die effektivste Art unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.

Eine Schule der Menschlichkeit

Eine respektvolle und Respekt vermittelnde Erziehung degradiert den jungen Menschen nicht zum Humankapital, Standortfaktor oder zum – wenn auch noch so hochbegabten – Leistungsträger, sondern fördert ihn auch als Menschen.

Dieses Bemühen ist uralt und hochaktuell. Benedikt von Nursia verstand bereits vor 1500 Jahren sein Kloster u.a. als eine Schule der Menschlichkeit. Sein Ziel war der starke, freie und aufrechte Mönch mit einem weiten Herzen für seine Mitbrüder und einer unstillbaren Sehnsucht nach Leben, Lebendigkeit und Gott.

Der junge Mönch musste dies aber noch nicht von Anfang an können, sondern bekam im Rahmen klarer, maßvoller Regelungen die ihm angemessene Zeit, um dorthin zu reifen.

Wo Leben auf eine solche Weise praktiziert und gelehrt wird, werden auch schöpferische Alternativen zur zerstörerischen Gewalt gefunden.

Der Teufelskreis der Demütigung und Respektlosigkeit wird unterbrochen. Die zunächst Gewalttätigen bekommen damit die Chance, nun mit ihrer ganzen Kraft gewaltig tätig zu werden zum Wohle aller.

Etwas Besseres könnte unserer heutigen Gesellschaft gar nicht passieren.

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Buchtipp

Jonathan Johannes Düring

Der Gewalt begegnen
Selbstverteidigung mit der Bergpredigt

erschienen im Vier-Türme-Verlag, 2005,
Münsterschwarzach
ISBN 3-87868-650-1
7,90 EUR zzgl. Versand

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