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Respekt – eine vergessene Tugend?

„Kommunikatives Miteinander und Aikido: beides wird im Kern von bewusster Absicht der Ausübenden durchdrungen – und in beidem ist wertschätzende Achtsamkeit ein Schlüssel für erfolgreiches Miteinander.“

Olaf Vittinghoff, Kommunikationstrainer
und Mitinitiator der Aikido-Gruppe Hilden

Takt, Höflichkeit, Rücksichtnahme, eine vorurteilsfreie, voraussetzungslose Anerkennung und Akzeptanz des anderen sind die Bausteine, aus denen sich die Tugend des Respekts zusammensetzt..

Nichts ist kläglicher als Respekt, der auf Angst basiert

Jahrhundertelang wurde unter Respekt ritualisierte Höflichkeit, Gehorsam, Obrigkeitsgläubigkeit verstanden. Respekt hatte man Höhergestellten, Würdenträgern, Amtspersonen, Richtern, Polizisten, Geistlichen, Lehrern, den eigenen Eltern, alten Menschen entgegenzubringen.

Respektlos konnten Menschen behandelt werden, die sich auf der gesellschaftlichen Rangstufe weiter „unten“ befanden: „Nichtsnutzige“, „Schmarotzer“, „Tagträumer“, „Verrückte“, „Tunichtgute“ und „Gottlose“.

Heute sind es nicht nur Migranten, Sozialhilfe- bzw. Hartz-IV-Empfänger, Hauptschulabgänger, nicht selten auch Untergebene in Firmen und Behörden. Also alle, die in den Augen unserer Mitmenschen als „schwach und bedürftig“ erscheinen.

Respektlosigkeit – Grundübel von Gewalttätigkeiten

Das Grundübel für die vielfältigen Formen von Gewalttätigkeiten in unserem Alltag ist nicht die Gewalttat selbst, sondern das sie ermöglichende und fördernde Klima des fehlenden Respekts vor der Würde des einzelnen und das sich auflösende Gespür für Recht und Unrecht.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar …“

(Artikel 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland)

Gewalttätigkeiten machen dabei nur offenbar, welch zentrale Rolle die profit-, macht- oder geltungsorientierte Respektlosigkeit bei uns spielt. Sehr anschaulich stellt Jonathan Düring diesen Aspekt in seinem Beitrag „Gewalt in der Schule“ dar. Er zeigt auf, dass eine respektvolle und Respekt vermittelnde Erziehung den jungen Menschen achtet und beachtet. Und ihn eben nicht zum Humankapital, Standortfaktor oder Leistungsträger degradiert.

Wo fängt Gewalttätigkeit an?

Eben nicht erst da, wo die Faust des einen auf der Nase eines anderen landet. Sondern weit vorher. Mobbing kennt mittlerweile jeder. Es findet überall statt, in Betrieben, in Schulen, in Familien, im Straßenverkehr, und immer, wenn tatsächliche oder vermutete soziale Unterschiede bzw. Schwäche dazu mißbraucht werden, die gefühlte eigene Minderwertigkeit mit der Herabsetzung eines unter ihm stehenden gefahrlos kompensieren zu können. Was beileibe nicht im Digitalzeitalter erfunden wurde.

Gewalt verhindernder Respekt lässt sich nicht einfach einfordern.
Immer steht davor der Respekt und die Achtung vor sich selbst.

Der Begründer des Aikido  . . .

. . .  hat seine auf mittelalterlichen Feindvorstellungen basierende Kampfkunst aufgrund seiner spirituellen Erfahrungen verändert. Eine notwendige Verteidigung richtet sich jetzt in erster Linie gegen den Angriff, nicht gegen den Angreifer als Person.*) Worin sich die Achtung und der Respekt vor dem menschlichen Leben an sich ausdrückt. Was zugegebenermaßen bei manchen Mitmenschen eine echte Herausforderung sein kann. Und für einen „normal“ empfindenden Menschen sicher ein sehr hochgestecktes Ziel darstellt. Andererseits entspricht dies aber auch unserem gegenwärtigen Rechtsempfinden, was sich auch in der Verhältnismäßigkeit der Mittel ausdrückt.

*) Interessanterweise deckt sich Ueshiba's Aussage exakt mit der christlichen Forderung der Feindesliebe. Auch hier wird zwar die böse Tat geächtet, nicht aber der Feind als Mensch.

Entfeindungsliebe als Friedensstrategie

Pinchas Lapide (jüdischer Theologe, 1922–1997) betont, dass Feindesliebe an das konkrete Tun geknüpft ist. Drei Handlungsweisen, eine Art Friedensstrategie, leitet Lapide aus den biblischen Weisungen ab: Zuvorkommenheit trägt zur Entfeindung bei („Und wenn dich jemand zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm“ (Mt 5,41)), ebenso maximale Nachgiebigkeit, die mit Prestige-Verzicht und Demut gleichzusetzen ist („Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39)). Und dennoch ist auch die Bereitschaft zur Notwehr geboten. Gegen den Feind aber, der dich umbringen will, helfen nur zwei Schwerter: Zur Vorbeugung oder zur Selbstbehauptung; ganz im Sinne Jesu, der den Seinen in einem Gleichnis rät: „Wenn der Starke bewaffnet seinen Hof bewacht, so bleibt sein Besitztum in Frieden." (Lk 11,21).


aus: korbiwiki, interaktive Wissensplattform der Erzdiözese München und Freising, Titel: „Feindesliebe als Herausforderung".

Diese Vorgabe setzt natürlich ein intensives und regelmäßiges Üben der äußeren Aikido-Techniken voraus. Gleichzeitig ist hier auch die Option enthalten, in dieser Weg-Übung Eins zu werden mit sich und seinem Tun. Und damit zu innerer Stärke und Selbstvertrauen zu finden, die wie wirkliches Glück und Zufriedenheit – und eben auch Respekt – nur aus uns selbst erwächst.

„Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen
als gelegentlich ihre Bewunderung zu haben.“

Jean-Jacques Rousseau

Regelmäßiges Aikido-Training fordert und fördert den gegenseitigen Respekt im übenden Miteinander.

Was bedeutet das nun für den, der sich entschlossen hat, in einem Dojo mitzuüben? Am einfachsten ist es, Du kommst an Deinem ersten Tag so frühzeitig, dass Du Dich dem Sensei vorstellen kannst, bevor er von seinen Aufgaben in Beschlag genommen wird. Frag ihn, wie für Dich der Ablauf sein wird, worauf Du achten musst und was Du unterlassen solltest. Du wirst auch mit den im Aikido üblichen Ritualen vertraut gemacht, wobei niemand von Dir erwartet, dass Du sie bereits kennst, geschweige denn das Du ihre Bedeutung verstehst. Präge sie Dir ein und lass Dir nach der Übungsstunde von Deinem Sensei erklären, was sie bedeuten. Denn erst dann kannst Du sie auch verstehen und akzeptieren.

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