Sensei  –  Übungsleiter, Lehrer, Wegbegleiter

Ich höre und vergesse,
Ich sehe und erinnere mich,
Ich tue und verstehe!

Wandle nicht in den Spuren deines Sensei,
sondern suche, was auch er gesucht hat.

Kanji Sensei
Kanji „Sensei“

In Japan werden in den traditionellen Kampfkünsten oder einer anderen unterrichtenden Institution die Übungs-, Unterrichts-, Aufsichts-Verantwortlichen als „Sensei“ bezeichnet. Was soviel bedeutet wie der „vorher Geborene“, der Ältere, der Erfahrenere. Dies bezieht sich auf Dauer und Intensität in der Ausübung seiner Kunst oder seines Berufes. Diese hat er seinen Schülern bzw. Teilnehmern voraus und steht nicht mit dem Lebensalter in Verbindung.

Diese Anrede gilt im übrigen sowohl männlichen als auch weiblichen Unterrichtenden.

Im Aikido ist ein Sensei jemand, der sein aus Erfahrung gewachsenes Wissen an seine Teilnehmer (Deshi) weitergibt. Er ist derjenige, der sich bereits lange auf dem (Übungs-)Weg befindet. Er hat Höhen und Tiefen durchlaufen und mußte vielleicht so manche bittere Niederlage überwinden. Nun ist er in der Lage, andere auf ihrem Weg zur Meisterung der Formen (d. h. über die Konzentration auf das, was er/sie gerade macht) zu begleiten. Ebenso zum eigenen (achtsamen) Sehen, zur Akzeptanz der eigenen Gefühle. Was für Männer oft nicht gerade leicht, aber ungemein wichtig ist. Denn es führt zur Befreiung von der Umklammerung des eigenen Ego.

Idealerweise verfügt der Aikido-Sensei neben einem großen technischen Erfahrungswissen über ein hohes Maß an Empathie, innerer Stabilität, Ruhe, Ausgeglichenheit, Geduld. Er hat seine eigene Wichtigkeit abgelegt und ist gut geerdet im Hier und Jetzt.

Die eigene Wichtigkeit loslassen – 
oder: Der Splitter im Auge des anderen …
Unser Handeln wird maßgeblich dadurch bestimmt, dass wir in den Augen der anderen „jemand“ sein wollen. Ja, es ist sogar so, dass sich unsere Identität ausschließlich von dieser Fremdwahrnehmung ableitet.
Somit sind wir ständig genötigt, unsere Handlungen zu erklären und zu rechtfertigen. Wir müssen uns immer wieder profilieren und von den Menschen unserer Umgebung abheben. 
Die aus der eigenen Wichtigkeit resultierende Ichbezogenheit lässt uns selbst wertvoller und wesentlicher erscheinen als andere. Wir glauben das Recht zu haben, an allem Anstoß nehmen zu dürfen.
„Es ist leichter, den Splitter im Auge des anderen zu sehen als den Balken im eigenen.“
Wer sich der eigenen Wichtigkeit bewußt geworden ist, sie loslassen kann, erreicht ein Gefühl von Gelassenheit und Gelöstheit.

So ist ein Sensei auch Coach, Motivator, Kommunikator, manchmal auch Antreiber, Trainer. Jemand, der seine Schüler nicht nur gut kennt, sondern fördert und fordert, vor allem auch, wenn sie mal schwächeln.

Eigentlich kann ein Sensei dir nur die Tür zu deinem Aikido zeigen, sie gegebenfalls noch öffnen. Aber hindurchgehen, um DEIN Aikido auch zu finden, das muss du schon selbst machen!

„Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.“

Johann Wolfgang von Goethe,
Faust, Der Tragödie 2. Teil

All die Erfahrungen, die ein Sensei auf seinem Weg gemacht hat, die Erkenntnisse, die er gewonnen hat, machen das aus, was er jetzt ist. Trotzdem bleibt er immer noch der Mensch, der er auch vorher schon war. Und – vielleicht doch auch ein bisschen anders.

Sensei – Deshi

Ein Kundiger des Weges wird Dein Führer auf dem Weg sein, wenn Du ihn begleitest.

Ein Lehrer, der nicht nahezu täglich mit dir arbeitet, wird dich kaum seinen Schüler nennen. Um wie viel weniger kannst du ihn dann als deinen Lehrer bezeichnen?

Triffst du einen Lehrer gelegentlich im Jahr, kannst du versuchen, dich an ihm zu orientieren. Wenn du Glück hast, kann er sich irgendwann an deinen Namen und an dein Gesicht erinnern.

Triffst du verschiedene Lehrer gelegentlich im Jahr, wirst du eher orientierungslos.

Woran sollen diese sich erinnern? – Woran willst Du Dich erinnern?

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