Sensei – Übungsleiter, Lehrer, Wegbegleiter

Übungsleiter, Lehrer, Wegbegleiter
Lesezeit: etwa 4 Minuten

In Japan werden in den traditionellen Kampfkünsten, aber auch in anderen Lehr- und Ausbildungsbereichen, Unterrichtende mit Sensei angesprochen. Die Anrede gilt gleichermaßen für Männer wie für Frauen.

Sensei ist eine Respekt-Anrede für Lehrer oder Meister, die immer von anderen verwendet wird, nicht als Selbstbezeichnung – ähnlich wie „Herr/Frau“.

Wörtlich bedeutet Sensei etwa:
der „vorher Geborene“, der Erfahrenere, der auf dem Weg schon weiter Gegangene.

Dabei geht es weniger um das Lebensalter als um Dauer, Intensität und Tiefe der Beschäftigung mit einer Kunst oder einem Beruf.

Wir übersetzen Sensei meist mit „Lehrer“. Doch verlieren wir in dieser Übersetzung nicht bereits etwas Wesentliches?

Wieviel von der japanischen Beziehungskultur schwingt darin noch mit?

Erfahrung weitergeben

Kanji für Sensei
Kanji Sensei

Im Aikido ist ein Sensei jemand, der seine über viele Jahre gewachsene Erfahrung weitergibt.

Nicht nur technische Abläufe und Formen,
sondern auch etwas von dem, was sich hinter ihnen verbirgt.

Das Substantielle, das, was alles trägt.

Wer lange übt, erlebt nicht nur Fortschritte.
Es gibt Phasen des Zweifelns, des Scheiterns, des Suchens.

Manches, was man über sich selbst zu wissen glaubte,
beginnt sich zu verändern.

Vielleicht liegt ja gerade darin ein wesentlicher Teil des Übungsweges.

Ein Sensei begleitet andere auf diesem Weg.
Nicht indem er ihnen etwas „gibt“, sondern indem er hilft, genauer hinzusehen:

auf Bewegung,
auf Wahrnehmung,
auf den eigenen Körper,
auf Reaktionen, Gefühle und innere Muster.

Und manchmal auch auf das eigene Ego.

Die eigene Wichtigkeit loslassen

Vieles in unserem Handeln entsteht aus dem Wunsch,
in den Augen anderer jemand zu sein.

Wir erklären uns, vergleichen uns, verteidigen uns,
möchten anerkannt werden oder uns abheben.

Vielleicht gehört es zu den schwierigsten Erfahrungen überhaupt,
die eigene Wichtigkeit ein wenig loslassen zu können.

„Es ist leichter, den Splitter
im Auge des anderen zu sehen
als den Balken im eigenen.“

Eine ewige Wahrheit.

Wer dies wenigstens ansatzweise erkennt,
wird oft ruhiger.
Gelassener.
Weniger getrieben.

Vielleicht entsteht daraus überhaupt erst die Fähigkeit,
anderen wirklich begegnen zu können.

Ein Sensei ist deshalb nicht nur Übungsleiter oder Technikvermittler.

Lehrer und Wegbegleiter

Er kann Lehrer sein, Begleiter, manchmal Motivator,
manchmal auch jemand, der fordert –
und nicht aufgibt, wenn man selbst aufgeben möchte.

Vor allem aber kennt er den Weg nicht nur theoretisch, sondern aus eigener Erfahrung.

Und dennoch:

Eigentlich kann dir ein Sensei nur die Tür zu deinem Aikido zeigen.
Vielleicht kann er sie sogar ein wenig öffnen.

Aber hindurchgehen – das musst du schon selbst.

Wandle nicht in den Spuren deines Sensei,
sondern suche, was auch er gesucht hat.

Sensei – Deshi

Ein Kundiger des Weges wird dein Führer auf dem Weg sein, wenn du ihn begleitest.

Ein Lehrer, der nicht regelmäßig mit dir arbeitet,
wird dich kaum als seinen Schüler betrachten.
Und umgekehrt wird auch für dich kaum eine wirkliche Verbindung entstehen.

Begegnest du einem Lehrer nur gelegentlich,
kannst du versuchen, dich an ihm zu orientieren.
Mit etwas Glück erinnert er sich irgendwann an deinen Namen oder dein Gesicht.

Begegnest du vielen Lehrern nur flüchtig,
entsteht leicht etwas anderes:

Orientierungslosigkeit.

Woran sollen diese sich erinnern?
Und woran willst du dich erinnern?


Ich selbst hatte nur zwei Lehrer:
Katsuaki Asai und Edmund Kern †. Natürlich bin ich im Laufe der Jahre vielen anderen Aikido-Lehrern begegnet — manchen nur kurz, manchen mehrfach.
Sie deshalb als „meine Lehrer“ zu bezeichnen – das wäre für mich schon sehr vermessen – und wie würde sich das erst für sie anfühlen?

Anmerkung der Redaktion

In der Bedeutung des Begriffes „Sensei“ spielt „Respekt“ eine tragende Rolle.

Wie sich eine Lehrer-Schüler-Beziehung über viele Jahre hinweg entwickeln und einen Menschen prägen kann, beschreibt Eckhardt Hemkemeier in seinem Gastbeitrag „Lehrer und Schüler – ein Widerspruch?“. Seine persönlichen Erinnerungen ergänzen die hier dargestellten Gedanken um die Perspektive gelebter Erfahrung.

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