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Lesezeit: etwa 9 Minuten

Soloübungen sind der Ort, an dem der Körper spricht und niemand dazwischenredet. Sie sind eine wichtige Ergänzung zum normalen Training und können zu echter Forschungsarbeit und – zu unerwarteten Fortschritten führen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kampfkünsten scheinen Soloübungen im Aikido nicht zum allgemein akzeptierten Lehrplan zu gehören. Offenbar werden ihnen keine größere Bedeutung beigemessen.

Obwohl andererseits bekannt ist, dass der Aikidobegründer Morihei Ueshiba sehr viel und intensiv Solotraining betrieben hat.1)

Was aber nicht zu einem regelrechten Solotrainings-Lehrplan geführt hat, von den Suburi des Buki-Waza einmal abgesehen.

Soloübungen sind in japanischen Traditionen auch nicht so wirklich erkennbar. Allerdings haben sie unübersehbare Vorteile, die wir durchaus nutzen sollten. Ein entscheidender Aspekt besteht u. a. darin, dass bei bewusst und langsam geübtem Solotraining auch die vielen störenden Elemente wahrgenommen werden können.

Und beinahe unbemerkt entwickeln sich Konzentration, Wahrnehmung, Achtsamkeit, Geduld, Ruhe, Gelassenheit. Vielleicht sogar "schauen" statt nur sehen, "lauschen" statt nur hören.

1)   Guillaume Erard ‒ Ursprung und Zweck des Solo-Trainings im Aikido (engl.) ‒ Veröffentlicht auf eigener Webseite vom 21.08.2014.

Oldschool mit Soloübungen 2003

Unverzichtbare Soloübungen

Grenzen des Dojotrainings

Die Übungszeiten in Vereinen sind naturgemäß begrenzt auf wenige Stunden an wenigen Tagen in der Woche.

In professionellen Dojos verteilen sich die Gruppen oft auf unterschiedliche Kurse; nicht alle können alles nutzen.

Individuell bedingte Unterrichtsausfälle reduzieren die tatsächliche Trainingszeit zusätzlich.

Selbständigsein

Den Teilnehmern bleibt während des Unterrichts zu wenig Zeit, um alle entscheidenden Details aufzunehmen und hinreichend zu verinnerlichen.

Selbständige Wiederholungen sind deshalb nur außerhalb des Dojos möglich.

Schon kurze, bewusst ausgeführte Bewegungsabläufe – oder auch nur einzelne Bewegungssequenzen separat geübt – können überraschende Aha-Erlebnisse auslösen.

Der Sensei wiederum sollte die Notwendigkeit dieses eigenständigen Übens immer wieder ins Bewusstsein rufen.

Grundlagen des Soloübens

„Wie“ und „Womit“ anfangen?

Bei dem Gedanken an Soloübungen stehen i.d.R. die vom Üben im Dojo her bekannten Techniken und Bewegungen im Vordergrund. Kann man machen. Erfolgversprechender ist es allerdings, mit den einfachsten Dingen anzufangen. Mit dem, was du in deinem Alltag auch machst: Stehen, Aufrichten, Atmen, Gehen, Entspanntsein Entspannungsfähigkeit weckt durch spontanes Wechselspiel von Anspannung und Entspannung die „schlafende“ Energie, wodurch Kraft in Sekundenbruchteilen nutzbar wird..

Wer Aikido wirklich ernsthaft erlernen möchte, braucht genau dies als solide Voraussetzungen. Hier gibt es noch kein „Üben“, hier ist „Erinnern“ entscheidend! Nicht oft, aber immer öfter!

Willst du Aikido wirklich erlernen?
Dann lerne erst richtig zu stehen.

Sich vor allem im Alltag bewusst zu erinnern, um dadurch einen Zusatznutzen unmittelbar zu erfahren, gilt nicht nur für Anfänger.

Nehme hierzu jede sich bietende Gelegenheit in Anspruch. Ob an der Bushaltestelle oder an der Kasse im Supermarkt.

Egal wo! Erinnere dich und spüre für einen Moment in dich hinein.

Nimm wahr, was du jetzt fühlst, ohne zu werten und ohne innerlich abzuschweifen – nicht in ein Vorhin und nicht in ein Nachher.

Bewege und handle stets im gegenwärtigen Augenblick.

So ermöglichst du auch deine Transformation vom Alltagskörper Lebensbedingte einseitige Belastungen oder Fehlhaltungen hinterlassen im Körper oft deutliche Spuren in Form von muskulären Verhärtungen und eingeschränkten Bewegungsbildern. zum Aiki-Körper Optimierte Körperorganisation, Stehen, Aufrichten, Gehen, Atmen, Entspannungsfähigkeit, harmonisierte Kraft von Muskeln und Faszien. Ein Körper, der den Anforderungen einer Kampfkunst gerecht wird..

Kultur der Langsamkeit

Zeitlupentempo ermöglicht den Zugang zu feinen Impulsen. Die innere Beobachtung erkennt Richtungen, Dosierungen und Spannungsverläufe.

Wir lernen verstehen: Sobald sich ein Teil des Körpers bewegt, bewegt sich der ganze Körper als eine Einheit.

Nutze diese Kultur der Langsamkeit Hier im Sinne einer bewussten Praxis der Verlangsamung verwendet, die Wahrnehmung, Koordination und Ganzkörperzusammenhänge im Lernprozess zugänglich macht. – sie ist der Schlüssel zu präzisem Lernen.

Und nochmal: Gerade hier können auch die vielen störenden Elemente wahrgenommen werden.

Soloübungen sind der Ort,
an dem der Körper spricht
und niemand dazwischenredet.

Musik als Resonanzfeld

Musik kann Tanz und Aikido-Soloformen gleichermaßen unterstützen. Melodie und Rhythmus lassen Bewegungen eher geschehen als das sie gemacht werden.2)

Es eröffnet sich eine völlig neue Lernqualität, wenn der Fokus zeitweise von den Details der Technik abrückt und sich der vollständigen Bewegung zuwendet.3)

2)   Hartmut Rosa ‒ Im Einklang mit sich selbst. Musik als Resonanzfeld. „Hier kann ich ganz sein, wie ich bin“. Veröffentlicht im Magazin des Goethe-Instituts e. V., o.J.
Du Y., Wei GX. u.w. ‒ Aktuelle Erkenntnisse zur Anwendung von Musik im Tai-Chi-Training: Eine Übersichtsarbeit (engl.), o.J.
3)   Dr. Gabriele Wulf – Bewußte Kontrolle stört Bewegungslernen. Veröffentlicht auf der Webseite des Magazins „Spektrum“ vom 01.04.1998.

Kihon-Waza als Soloarbeit

Übt eine Technik, bis ihr sie wirklich verstanden habt. Daraus erwachsen euch tausend andere.

So oder ähnlich war die Aufforderung, die der Aikido-Gründer O’Sensei Ueshiba an seine Schülern gegeben haben soll.

Wenn denn eine Technik gewählt wird, sollte es eine sein, in der alle Prinzipien von Bewegung und Funktionalität relativ leicht nachvollziehbar sind. Ich bevorzuge für eine angemessene Zeit die Technik Ikkyo Omote mit und ohne Partner. Ein wechselnder Fokus in der Ausführung liegt dabei auf unterschiedliche Aspekte dieser Bewegung.

Gleichzeit wird hier auch die Soloarbeit initiiert und vertieft.

Ikkyo Omote

Buki-Waza als Soloarbeit

Suburi als Basis

Die Grundformen – Suburi – mit Jo (20 Techniken) und Bokken (7 Techniken) sowie die verschiedenen Jo-Kata sind natürliche Soloformen.

20 Jo Suburi

7 Ken Suburi

Stoß und Schlag bilden die beiden absoluten Basistechniken, von dessen Bewegungsqualität alle weiteren Übungsformen abhängig sind.

Rolle und Aufbau von Kata

Jo-Kata bestehen aus festgelegten Abfolgen von Stoß-, Schlag-, Dreh- und Parierbewegungen.

Sie werden meist nach der Anzahl ihrer Einheiten benannt: z. B. als 13er-, 25er- oder 31er-Kata.

Mit Kata sollte allerdings wirklich erst begonnen werden, wenn die Suburi bereits eine solide Grundlage bieten, wobei diese selbstverständlich auch weiterhin geübt werden.

13er Jo-Kata

31er Jo-Kata

Eigentlich sind Jo-Kata auch eher das Studienfeld für Fortgeschrittene. Hier geht es nicht nur um eine Darstellung von Grundformen in einer festgelegten Reihenfolge. Hier beginnt auch die Suche nach der Essenz.

Was gleichermassen auch für die Kata mit Bokken gilt.

Soloübungen der besonderen Art

Mitori Geiko

Diese Form der Soloübung dürfte die am wenigsten praktizierte sein. Dabei ist sie besonders nützlich für Übende, die nicht aktiv am Training teilnehmen können. Ein konzentriertes Beobachten von Aikido-Techniken und -Bewegungen beim Sensei während seiner Demonstrationen bzw. den Übungspartnern beim Training bringen unsere Spiegelneuronen Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die in unserem Gehirn das gleiche Aktivitätsmuster bei der Beobachtung einer fremden Handlung und der eigenen Handlung zeigen.4) ins Spiel. Mit offenbar überzeugenden Ergebnissen. Sie sind eines der spannendsten Forschungsfelder in den Neurowissenschaften.

YouTube sei Dank, können wir heute schon sehr gute Aikido-Videos sehen, vor allem der alten, aber auch der jüngeren Meister. Wer als weiter Fortgeschrittener bereits „anders“ sehen kann, begegnet hier wirklich einem Mitori Geiko der besonderen Art.

4)   Tanja Krämer – Die Bewegungen der Anderen. Veröffentlicht auf der Webseite des Projektes der Klaus Tschira Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe vom 30.11.2011.

Fazit

Im Dojo wird die äußere Form gezeigt und gelehrt; außerhalb, in den Soloübungen, wird die innere Struktur erarbeitet.

Und wiederum im Dojo müssen die neugewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen den Realitätstest durchlaufen.

Wandle nicht in den Spuren deiner Meister,
sondern suche, was auch sie gesucht haben.

Ein- oder zweimal pro Woche üben – das ist Teilnahme.
Doch ergänzend dazu allein üben – das ist der Beginn des Weges.

Mal anders formuliert . . .

Am Anfang war die Stille

Eine Stille, die mich eher irritierte als einlud.
Allein zu üben erschien mir fragwürdig und – unnötig.
War Aikido doch Bewegung, Begegnung, Partnerarbeit.
Was also sollte ich in der Leere einer stillen Wohnung finden?

Doch dann geschah etwas Merkwürdiges:

Eine Technik, die am Vortag im Dojo nicht gelingen wollte,
ließ mir keine Ruhe.
Ich probierte sie einfach noch mal – allein.
Und dann noch mal – und noch mal.
Und plötzlich erschienen Details,
die im gemeinsamen Üben unsichtbar geblieben waren –
ein kaum spürbares Drehen im Fuß,
eine Linie, die nicht durchgezogen war,
ein Atemzug, der nicht im richtigen Moment kam.

Damit begann eine Reise.

Je langsamer ich wurde, desto mehr enthüllte sich.
Die Bewegung öffnete sich wie ein Buch,
dessen Seiten ich nie bemerkt hatte.
In der Stille wurde jeder Zentimeter bedeutsam.
Und aus Wiederholung wurde Forschung.

Jo und Bokken wurden zu Lehrern.
Sie zwangen den Körper, ehrlich zu sein.
Sie verrieten jede Unklarheit
und belohnten jedes gelungene Detail.

Kata führte mich weiter,
durch Räume, die ich mir selbst erschuf.
Gegner ohne Gesicht,
Situationen ohne Publikum,
aber voller Bedeutung.

Und irgendwann geschah etwas noch Merkwürdigeres:

Der Alltag begann mitzuspielen.
Gehen wurde zur Übung,
Stehen zur Aufrichtung;
Ein Warten an der Kasse wurde zu einem Moment des Spürens.

Mir wurde bewusst, dass Aikido nicht im Dojo beginnt
und schon gar nicht dort endet.

Dann verstand ich:
Wenn ich nur einmal wöchentlich trainiere,
lerne ich Aikido, wie wenn man ein Buch anschaut, ohne es zu öffnen.

Der Weg entsteht dort,
wo niemand zusieht.
Dort, wo die Stille beginnt.
Dort, wo die Soloübung zur Begegnung wird –
mit dem eigenen Geist und Körper –

und vielleicht sogar noch mit etwas anderem,
das größer ist als man selbst.

(Meine Gedanken, meine Erkenntnisse, meine Erfahrungen –
und eine digitale Lektorin, die ihnen Gestalt verlieh.)



Literaturhinweise


Feldenkrais, M. (1987). Bewusstheit durch Bewegung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
Frantzis, B. K. (5. Aufl., 2017). Die Energietore des Körpers öffnen, Chi Gung für lebenslange Gesundheit. Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf.
Jacobs, D. (1990). Die menschliche Bewegung. (Dore Jacobs Berufskolleg, Hrsg.) Essen.
Waysun Liao (1996). Die Essenz des T’ai Chi. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.

Weblinks


Du Y., Wei GX. , He Y., Ning H., Roberts P., Golob E., Yin Z. ‒ Aktuelle Erkenntnisse zur Anwendung von Musik im Tai-Chi-Training: Eine Übersichtsarbeit (engl.) – Asian Pac Isl Nurs J 2024;8:e60104. doi: 10.2196/60104, PMID: 39298259, PMCID: 11450349, o.J.
Erard, Guillaume ‒ Ursprung und Zweck des Solo-Trainings im Aikido (engl.) ‒ Veröffentlicht auf eigener Webseite vom 21.08.2014.
Krämer, Tanja ‒ Die Bewegungen der Anderen. Veröffentlicht auf der Webseite des Projektes der Klaus Tschira Stiftung, der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe vom 30.11.2011.
Rosa, Hartmut ‒ Im Einklang mit sich selbst. Musik als Resonanzfeld. „Hier kann ich ganz sein, wie ich bin“. Veröffentlicht im Magazin des Goethe-Instituts e. V., o.J.
Wulf, Dr. Gabriele ‒ Bewußte Kontrolle stört Bewegungslernen. Veröffentlicht auf der Webseite des Magazins „Spektrum“ vom 01.04.1998.



3 Kommentare

  1. Lieber Klaus,
    vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag. Insbesondere der Aspekt „Musik als Resonanzfeld“ hat es mir sehr angetan. Erinnert er mich doch daran neben dem notwendigen Spüren auch das Fühlen (im Sinne von Gefühlen) mit in den Blick zu nehmen. Etwas, was in Soloübungen Einzelnen u.U. leichter fällt, nicht weil Soloübungen weniger komplex sind (nach deinen Ausführungen ja so gar nicht), sondern weil Soloübungen die eine oder andere Verstellung, die durch das Außen entstehen kann für den Moment des Übens unberücksichtigt lassen können. Die Bedeutung der verschiedenen zu berücksichtigenden und von dir durch die inhaltliche Gliederung benannten Facetten des Soloübens bleibt davon unberührt. Jede und jeder wird den Fokus beim „Soloüben“ immer wieder auf andere Aspekte legen. Ich freue mich auf jeden Fall, an den Anteil „Fühlen“ erinnert zu werden. Einen Anteil, der auch für Feldenkrais neben Denken, Spüren und Bewegen für jede Handlung essentiell ist.
    LG
    thomas

  2. Lieber Klaus,
    zuallererst möchte ich Dir zu Deiner wirklich gelungenen Website gratulieren. In der schlichten und sachlichen, sehr ästhetischen äußeren Form spiegelt sich für mich folgendes wider:
    es konzentriert sich alles auf das Wesentliche.
    Du zeigst in diesem Beitrag wie auch bei Deinem Unterricht, wie essentiell es ist, zu lernen, Bewegung bewusst zu erfahren. Der Körper spürt, wenn Bewegungen nicht stimmig sind. Dies geht im Alltag meist unter. Aikido zeigt einen Weg, dies zu erleben. Das Alleinüben gibt jedem auch die Zeit, die individuell angepasst ist; es geht nicht um Wettbewerb, sondern um das selbst Entdecken und Empfinden. Das habe ich in Deinem Beitrag wiedergefunden und mich – gerne – daran erinnert.

    Liebe Grüße
    Ralph

  3. Lieber Klaus,
    vielen Dank für Deine „Soloübungen“, die ich mit großem
    Interesse gelesen habe.
    Meine Art Aikido, das Gitarrenspiel, bringt vergleichbare
    Beziehungen ans Licht :
    Die allerwichtigste Grundlagenübung ist bei uns die
    Soloübung, ohne die alles Andere nicht funktionieren würde.
    Wunderbare Kammermusik in kleiner oder größerer Gruppe
    kann nur auf dieser Basis entstehen. Und, je besser die
    Soloübung vorbereitet war, desto schöner das Klangergebnis.
    Herzliche Grüße
    Karlo

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