Verdammt lang her

Lesezeit: etwa 5 Minuten

Wie war das eigentlich noch? Damals. –
Irgendwo muss es doch einen Anfang geben. –
So verdammt lang her!
Erinnerungen kommen – unscharf, verschwinden wieder.
Wie Nebelschwaden – mal dichter, mal durchlässiger.

Eine Buchhandlung taucht auf. Im Schaufenster Bücher über Jiu Jitsu.
Die Nase plattgedrückt an der Scheibe.
Andere Bücher? – Wahrscheinlich.

Warum machte ich bloß immer wieder mal einen Umweg hierher?

Doch die Prioritäten der Zeit: Schule, Lehre.

Dann endlich – der erste Tag im örtlichen Judoverein.
Ich war zu früh. –

Und meine Prioritäten verschoben sich – ein wenig.

Es kamen schon mal Informationsfetzen aus Japan.
Da gab es noch anderes: Karate, Kendo, Aikido.

Und Berichte über die Lichtgestalt des Aikidogründers Morihei Ueshiba.

Viel später: ich war jung, ungebunden, glücklich, zufrieden.
Irgendwie schien dauernd Frühling zu sein, selbst im Regen.

Saturday night im Zappelbunker,
dreimal hatte ich mit ihr getanzt.
Sie bewegte sich, als gäbe es keine Schwerkraft.

Dann redeten wir.
Lange.
Worüber eigentlich?

Dann ein Abschied und ein Zettel. Mit Zeit, Tag, Ort.

Ort – eine Sporthalle!?!

Ich war da – sie nicht.
Aber jemand anderer. –
Ein junger Japaner im Aikido-Outfit: Katsuaki Asai Sensei.
Ich meldete mich sofort an.

Sie war verschwunden. –
Ich blieb.

Der junge Japaner wurde mein Aikido-Lehrer.
Für eine sehr, sehr lange Zeit.

Ihm verdanke ich mehr, als Worte fassen können.

Die Jahre, die folgten, waren intensiv,
die Arbeit mit ihm herausfordernd.

Es ging um Präzision.
Um Klarheit.

Und manchmal auch darum, die eigenen Grenzen auszuhalten.

Entsprach ich als Schüler seiner Erwartung?

Nicht diszipliniert genug.
Nicht ehrgeizig genug.

Und doch …
in dieser Zeit entstand etwas Tragfähiges,
etwas, das geblieben ist.

Vieles von dem, was ich heute weitergebe, hat dort seinen Ursprung.

Auf Lehrgängen und durch ihre Besuche im Dojo begegnete ich vielen Lehrern.

Aus Europa.
Und aus Japan.

Ihre Bewegungen waren beeindruckend.
Sie wirkten leicht.
Fast mühelos.

Es sah nicht gemacht aus.

Eher… als würde es geschehen.

Und immer wieder fiel ein Wort:

Ki.

Ein alltäglicher Begriff im Japanischen.

Für mich damals… schwer greifbar.

Kein klares Verständnis.
Keine einfache Erklärung.

Eher eine offene Frage.

Vielleicht hat meine Suche ja genau dort begonnen.

Nicht mit einer Antwort.

Sondern mit etwas, das sich nicht sofort klären ließ.

Ab Mitte der 1970er Jahre begann ich,
mich auch außerhalb des Aikido umzusehen.

Im Autogenen Training erlebte ich zum ersten Mal bewusst:

tiefe körperliche Entspannung…
und gleichzeitig… eine wache innere Präsenz.

In der Feldenkrais-Methode verschob sich mein Blick.

Weg vom Ergebnis.
Hin zum Prozess.

Das Wie wurde wichtiger als das Was.

Bewegung wurde weniger Ausführung.
Und mehr – ein Erforschen.

Auch Tai Chi und Qigong haben Spuren hinterlassen.

Nicht durch lange Praxis.

Sondern durch eine Erfahrung:

Das Gefühl, nicht alles selbst tun zu müssen.

Bewegung konnte geschehen.

Mit den Jahren kamen weitere Einflüsse hinzu.

Gespräche.
Texte.
Später auch das Internet.

Unterschiedliche Stimmen.

Und doch tauchten immer wieder ähnliche Qualitäten auf:

Entspanntheit.
Klarheit.
Timing.
Präsenz.

Keine großen Worte.

Und vielleicht gerade deshalb so wesentlich.

In den letzten Jahren hat sich mein Blick noch einmal verändert.

Durch die Beschäftigung mit körperlichen Zusammenhängen.
Zum Beispiel mit den Faszien.

Was früher vor allem gespürt werden konnte,

wird heute ein Stück weit verständlicher.

Und doch bleibt etwas Entscheidendes:

Verstehen ersetzt nicht die Erfahrung.

Es kann unterstützen.

Aber nicht ersetzen.

Begegnungen mit Lehrern wie Dirk Beckmann oder Edmund Kern haben diesen Blick weiter geschärft.

Und schon schweifen meine Gedanken.
Zu den Workshops in Damme.
Den Lehrersymposien in Münsterschwarzach.

Warme Erinnerungen.
Die mich heute noch lächeln lassen.

Eindrücke während der Arbeit.
Neue Erkenntnisse.
Und später die Abende.
Lange Abende oft.
Viel Erzählen. Gute Gespräche.

Und vielleicht geschah gerade dort manches fast nebenbei.

Die Aufmerksamkeit auf das Einfache.
Die Qualität eines entspannten Körpers.
Grundlegende Bewegungsmuster.
Eine innere Ordnung –
die nicht gemacht werden muss.

Wenn ich heute zurückblicke,
sehe ich keinen geraden Weg.

Ich sehe Spuren.

Spuren aus Üben und Verstehen.

Aus Zweifeln.
Und aus neuen Ansätzen.

Aus Momenten, in denen etwas gelingt.
Und vielen, in denen es das nicht tut.

Und vielleicht ist genau das entscheidend.

Nicht ein Ziel.

Sondern die Bereitschaft, weiterzugehen.

Wenn ich versuche zu sagen, was Aikido für mich heute ist,
dann wird es ungenau.

Es ist kein Ziel.

Keine Technik, die man beherrscht.

Eher ein Medium.

Ein Rahmen.
In dem sich etwas zeigen kann.

Eine Form,
die über sich selbst hinausweist.

Nicht als Ergebnis.

Sondern als Möglichkeit.

Und das, was daraus entstehen kann…

Ruhe.
Klarheit.
Gelassenheit.
Vielleicht auch Zufriedenheit.

Das bleibt nicht einfach.

Es entsteht – im Üben.

Und verschwindet . . .,

wenn das Üben aufhört.

Vielleicht ist genau das der einfachste –
und zugleich schwierigste Teil:

dranzubleiben.

Nicht verbissen.

Aber verlässlich.

Nicht ständig.

Aber immer wieder.

Vielleicht lässt sich ein solcher Weg nicht wirklich erzählen.

Vielleicht kann man nur Spuren sichtbar machen.

Ich denke, der eigentliche Zugang entsteht anders:

Im Üben.
Im Fragen.
Im Ausprobieren.

Und manchmal…

in einem Gespräch,
das gar nicht darauf angelegt ist, schnelle Antworten zu finden.

So, wie es im Dojo geschehen kann.

Oder – wenn es gelingt – mitten im Alltag.

Wenn du verstehen möchtest, was ich meine…

dann lies nicht nur.

Nimm dir einen Moment.

Spüre eine Bewegung.

Einen Atemzug.

Vielleicht beginnt ja genau dort etwas.


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