Verdammt lang her

Lesezeit: etwa 6 Minuten

„Duuhu, kannst du mir noch mal erzählen, wie das mit dem Aikido bei dir so war?“
Etwas irritiert blickte ich auf . . .

Hmm – ziemlich seltsame Frage für eine 11jährige.

Für einen Moment verlor sich mein Blick durch das Fenster hindurch zwischen den beiden vom Wind sanft bewegten Kastanienbäumen im Garten, hinaus zu einem fernen Horizont.

Die Frage war kaum ausgesprochen, da war sie selbst schon weitergezogen. Etwas anderes war wohl in ihr Blickfeld geraten, und so lief sie hüpfend über die Terrasse hinaus in den Garten.

Aber etwas blieb zurück.

Erinnerungsbläschen suchten ihren Weg zu meinen Gedanken.

Vorsichtig begannen sich erste Bilder zu zeigen, flüchtig, wie etwas, das sich erst noch entscheiden muss, ob es bleiben will.

Ich lehnte mich zurück und sog die frische, kühle Luft eines frühen Sommermorgens tief ein.

Ja – wie war das eigentlich noch? – Damals.

Wie fing das alles an?

Neue Bilder kommen – unscharf, verschwinden wieder.

Wie Nebelschwaden, mal dichter, mal durchlässiger.

So verdammt lang her!

Eine Buchhandlung taucht auf. Im Schaufenster Bücher über Jiu Jitsu.
Die Nase plattgedrückt an der Scheibe.
Andere Bücher? – Wahrscheinlich.

Aber warum machte ich bloß immer wieder mal einen Umweg hierher?

Doch die Prioritäten der Zeit: Schule, Lehre.

Dann endlich – der erste Tag im örtlichen Judoverein.
Ich glaub, ich war zu früh. –

Ich war zu früh!

Und meine Prioritäten begannen sich zu verschieben –
ein wenig.

Es kamen schon mal Informationsfetzen aus Japan.
Da gab es noch anderes: Karate, Kendo, Aikido.

Und Berichte über die Lichtgestalt des Aikidogründers Morihei Ueshiba.

Viel später: ich war jung, ungebunden, glücklich, zufrieden.
Irgendwie schien dauernd Frühling zu sein, selbst wenn es regnete.

Saturday night im Zappelbunker,
dreimal hatte ich mit ihr getanzt.
Sie bewegte sich unglaublich, als gäbe es keine Schwerkraft.

Dann redeten wir.
Lange.
Worüber eigentlich?

Dann ein Abschied –
und eine Notiz. Mit Zeit, Tag, Ort.

Ort! – eine Sporthalle!?!

Ich war da – sie nicht.
Aber jemand anderer. –
Ein junger Japaner im Aikido-Outfit – Katsuaki Asai Sensei.

Ich meldete mich sofort an!

Sie war verschwunden. –
Ich blieb.

Der junge Japaner wurde mein Aikido-Lehrer.
Für eine sehr, sehr lange Zeit.

Ihm verdanke ich mehr, als ich mit Worte zu fassen vermag.

Die Jahre, die folgten, waren intensiv,
die Arbeit mit ihm herausfordernd.

Es ging um Präzision.
Um Klarheit.

Und manchmal auch darum, die eigenen Grenzen auszuhalten.

Entsprach ich als Schüler eigentlich seiner Erwartung?

Nicht diszipliniert genug.
Nicht ehrgeizig genug.

Und doch …
in dieser Zeit entstand etwas Tragfähiges,
etwas, das geblieben ist.

Vieles von dem, was ich heute weitergebe, hat dort seinen Ursprung.

Auf Lehrgängen und durch ihre Besuche im Dojo begegnete ich vielen Lehrern.

Aus Europa.
Und aus Japan.

Ihre Bewegungen waren beeindruckend.
Sie wirkten leicht.
Fast mühelos.

Es sah nicht gemacht aus.

Eher . . . als würde etwas geschehen.

Und immer wieder fiel ein Wort:

„Ki“.

Ein Kanji, in vielen anderen japanischen Worten enthaltener Begriff.

Für mich damals . . . schwer greifbar.

Kein klares Verständnis.
Keine einfache Erklärung.

Eher eine offene Frage.

Vielleicht hat meine Suche ja genau dort begonnen?

Nicht mit einer Antwort.

Sondern mit etwas, das sich nicht sofort klären ließ.

Ab Mitte der 1970er Jahre begann ich,
mich außerhalb des Aikido auch nach anderem umzusehen.

Im Autogenen Training erlebte ich zum ersten Mal bewusst:

tiefe körperliche Entspannung . . .
und gleichzeitig . . . eine wache innere Präsenz.

In der Feldenkrais-Methode verschob sich mein Blick.

Weg vom Ergebnis.
Hin zum Prozess.

Das Wie wurde wichtiger als das Was.

Bewegung wurde weniger Ausführung.
Und mehr – ein Erforschen.

Auch Tai Chi und Qigong haben Spuren hinterlassen.

Nicht durch lange Praxis.

Sondern durch eine Erfahrung:
einem Gefühl, nicht immer alles machen zu müssen.

Bewegung konnte geschehen.

Mit den Jahren kamen weitere Einflüsse hinzu.

Unterschiedliche Stimmen.

Und doch tauchten immer wieder ähnliche Qualitäten auf:

Entspanntheit.
Klarheit.
Timing.
Präsenz.

Keine großen Worte.

Und vielleicht gerade deshalb so wesentlich.

In den letzten Jahren hat sich mein Blick noch einmal verändert.

Durch die Beschäftigung mit körperlichen Zusammenhängen.
Zum Beispiel mit den Faszien.

Was früher vor allem gespürt werden konnte,
wird heute ein Stück weit verständlicher.

Und doch bleibt etwas Entscheidendes:

Wissen ersetzt nicht die Erfahrung.

Es kann unterstützen.

Aber nicht ersetzen.

Begegnungen mit Dirk Beckmann Dirk Beckmann (Gründer von Equilibrium State) lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er führt dort eine eigene Praxis, etablierte sich als Faszientherapeut und gilt als Experte für Körperstruktur und Bewegung. Equilibrium State bedeutet so viel wie „Gleichgewichtszustand“. oder Edmund Kern † Edmund Kern, Shihan, (1932-2017), 8. Dan, Kyoshi. Mitbegründer und Ehrenvorsitzender des Fachverbandes für Aikido in Bayern (FAB). Er begann mit Aikido 1966 beim Deutschen Judo Bund (heute DAB), orientierte sich seit ca. 1984 an Morihiro Saito Sensei und war seitdem über viele Jahre kontinuierlich für mehrere Wochen Uchideshi in dessen Dojo in Iwama.

Und schon schweifen meine Gedanken.
Lehrersymposien in der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach.
Workshops im Benediktiner-Priorat Damme.

Warme Erinnerungen.
Die mich heute noch lächeln
und träumen lassen.

An die Begegnungen mit den Menschen.
Eindrücke während des Trainings.
Neue Erkenntnisse.

Und später die Abende.
Lange Abende oft.
Viel Erzählen. Gute Gespräche.

Und vielleicht geschah gerade dort manches fast nebenbei.

Die Aufmerksamkeit auf das Einfache.
Die Qualität eines entspannten Körpers.
Grundlegende Bewegungsmuster.
Eine innere Ordnung –
die sich prozesshaft aufbaut.

Wenn ich heute zurückblicke,
sehe ich keinen geraden Weg.

Ich sehe Spuren.

Spuren aus Üben und Verstehen.

Aus Zweifeln.
Und aus neuen Ansätzen.

Aus Momenten, in denen etwas gelingt.
Und vielen, in denen es das nicht tut.

Und vielleicht ist genau das entscheidend.

Nicht ein Ziel.

Sondern die Bereitschaft, weiterzugehen.

Wenn ich versuche zu sagen, was Aikido für mich heute ist,
dann wird es ungenau.

Es ist tatsächlich kein Ziel.

Keine Technik, die man beherrscht.

Eher ein Medium.

Ein Rahmen.
In dem sich etwas zeigen kann.

Eine Form,
die über sich selbst hinausweist.

Nicht als Ergebnis.

Sondern als Möglichkeit.

Und das, was daraus entstehen kann . . .

Ruhe.
Klarheit.
Gelassenheit.
Vielleicht auch Zufriedenheit.

Aber das bleibt nicht einfach.

Es entsteht – im Üben.

Und verschwindet . . .,

wenn das Üben aufhört.

Vielleicht ist genau das der einfachste –
und zugleich schwierigste Teil:

dranzubleiben.

Nicht verbissen.

Aber verlässlich.

Nicht ständig.

Aber immer wieder.

Vielleicht lässt sich ein solcher Weg nicht wirklich erzählen.

Vielleicht lassen sich nur Spuren andeuten.

Ich denke, der eigentliche Zugang entsteht anders:

Im Üben.
Im Fragen.
Im Ausprobieren.

Und manchmal . . .

in einem Gespräch,
das gar nicht darauf angelegt ist, schnelle Antworten zu finden.

So, wie es im Dojo geschehen kann.

Oder – wenn es gelingt – mitten im Alltag.

Vielleicht beginnt ja genau dort etwas.


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