Fehler als Wegweiser

Lernen auf dem Übungsweg

„Fehler als Wegweiser“ – Lernen auf dem Übungsweg
Lesezeit: etwa 4 Minuten

Es gibt einen Moment im Üben, den wohl jeder kennt.
Eine Bewegung gelingt nicht.
Der Ablauf gerät ins Stocken.
Etwas fühlt sich anders an als erwartet.

Und fast automatisch entsteht diese innere Irritation:

Das war falsch.

Ein Wort, das wir früh gelernt haben.
Ein Wort, das wertet.
Ein Wort, das trennt.

Richtig von falsch.
Gut von schlecht.
Bestanden von nicht bestanden.

Fehler gilt es möglichst zu vermeiden.
In der Schule, im Beruf, im Alltag.

Fehler kosten Zeit, zeigen Schwächen, sollen vermieden werden.
Fehler haben Folgen.

Auf einem Übungsweg gibt es neue Versuche.
Im richtigen Leben nicht unbedingt.

Manche Fehler lassen sich korrigieren, andere nicht.
Manche Folgen sind geringfügig,
andere schwerwiegend oder sogar irreparabel.

Und schwingt da nicht immer auch ein zumindest diffuses Gefühl von Angst mit?

Neigen wir deshalb eher dazu, zu verdrängen, zu negieren, zu vergessen
oder die Verantwortung von uns zu weisen?

„Ich war das nicht“ – „Dafür bin ich nicht verantwortlich“ – „Ich bin gar nicht zuständig.“

Vielleicht könnten wir ja lernen,
das Phänomen „Fehler“ anders anzugehen.
Die Situationen, aus denen heraus sie entstehen,
bewußter wahrzunehmen,
die Begleitumstände, die eigene Befindlichkeit.
Anders hinschauen, frühzeitig zuhören.

Genau hier könnte der Übungsweg des Aikido beginnen.
Im Dojo als Labor.

Hier können Bewegungen erprobt, wiederholt und verändert werden.
Was im Ablauf nicht gelingt, zeigt sich unmittelbar.

Möglicherweise lässt sich in einer sehr langsamen Wiederholung
schnell eine Ursache finden.

Es gibt keinen Anspruch, sofort alles richtig zu machen.
Eher eine wachsende Bereitschaft dafür zu entwickeln,
aufmerksam wahrzunehmen.

Was geschieht? Und vor allem: Wie geschieht es?

Der Körper spricht ständig mit uns.
Er zeigt uns Veränderungen,
lange bevor der Verstand sie erklären kann.

Eine kleine Verschiebung im Gleichgewicht.
Eine unnötige Anspannung.
Ein Atemzug, der nicht mehr frei fließt.

Der Fehler ist kein Gegner.

Er ist ein Hinweis.

Wer versucht, Fehler zu vermeiden,
richtet seine Aufmerksamkeit oft auf ein vorgestelltes, erwartetes Ergebnis.
Er möchte ankommen.

Wer bereit ist, Fehler wahrzunehmen, bleibt im Prozess.
Er bleibt auf dem Weg.

Das ist ein grundlegender Unterschied.

Ein Übungsweg hat kein endgültiges Ziel,
das irgendwann erreicht und abgehakt werden kann.

Jede Antwort kann neue Fragen eröffnen.
Jede gewonnene Sicherheit neue Möglichkeiten zeigen.

Deshalb können wir im Aikido nichts vollkommen richtig machen.
Aber wir können auch nichts endgültig falsch machen.

Jede Erfahrung hinterlässt eine Spur.

Nach einiger Zeit lohnt es sich, einmal zurückzublicken.
Nicht, um sich zu bewerten.
Nicht, um festzustellen, wie gut man geworden ist.

Sondern um wahrzunehmen, was sich verändert hat.

Vielleicht ist die Bewegung ruhiger geworden.
Vielleicht ist die Wahrnehmung weiter geworden.
Vielleicht entsteht eine Antwort, wo früher nur ein Reflex war.

Der Weg zeigt sich nicht nur im Ergebnis.
Er zeigt sich in der prozesshaften Veränderung des Wahrgenommenen.

Mit zunehmender Erfahrung entsteht etwas,
das im Aikido besonders wertvoll ist:

Ich nenne das den inneren Beobachter.

Er steht nicht außerhalb des Geschehens.
Er beurteilt nicht.
Er lobt nicht, wenn etwas gelingt,
und verurteilt nicht, wenn etwas misslingt.

Er nimmt wahr. – Er zeigt auf.
Er macht aufmerksam,
auf etwas, was wir sonst vielleicht übersehen hätten.

Und er lässt uns selbst entscheiden.

Vielleicht liegt darin ja eine der großen Möglichkeiten des Übens:

Nicht um fehlerfrei zu werden.
Sondern um lernfähig zu bleiben.

Denn der Fehler, den wir annehmen können, verliert seinen Schrecken.

Er kann selbst zum Lehrer werden.

Und manchmal weist er uns sogar den nächsten Schritt auf unserem Weg.

Ich bin der Beobachter
und der Beobachtete.

Die Arbeit im Dojo kann uns dafür
Kenntnisse, Fertigkeiten und eine Haltung vermitteln.

Im Alltag müssen sie sich dann bewähren.

Anmerkung der Redaktion

In der Ergänzung zum aktuellen Thema spielt „Respekt“ eine tragende Rolle.
Und ganz praktisch auch im Beitrag über Soloübungen.

Kommentare  –  Nachrichten

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Ein Kommentar

  1. Mein lieber Herr Meyer,
    vielen Dank für diesen Artikel.
    Für mich spricht er die Sprache des wahren Lernens.
    Ich könnte jetzt noch einiges dazu sagen, aber Wiederholen steigert nicht immer die Wirkung der Aussage.
    Danke und beste Grüße
    Eckhardt Hemkemeier

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