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Gönnen wir uns eine Fehlerkultur

Wer viel arbeitet, macht auch viele Fehler.
Wer wenig arbeitet, macht wenig Fehler.
Nur wer nicht arbeitet, macht auch keine Fehler.

Kalenderspruch unbekannter Herkunft

Wer sich krampfhaft bemüht, keine Fehler zu machen, macht selten etwas wirklich richtig. Fehler sind eine evolutionäre Notwendigkeit. Genau wie die Natur lernen auch wir Menschen durch Fehler. Was Wunder, wir sind schließlich Teil der Natur.

Bedauerlicherweise sind wir in einer Fehlervermeidungskultur aufgewachsen, die eine lange Tradition aufweist. Fehler waren etwas Negatives, die tunlichst zu vermeiden waren, und entsprechend geahndet wurden. Körperliche Züchtigungsmaßnahmen von Schulkindern wurden erst nach dem Krieg in den späten 1950er Jahren langsam aufgegeben.

Daher nimmt es auch nicht wunder, dass sich eine üble Verhaltensweise großflächig durchsetzen konnte. Nämlich bei aufgetretenen Fehlern die Schuld grundsätzlich erst einmal anderen anzulasten oder auf sogenannte widrige Umstände abzuwälzen.

Von richtig und falsch –
Ergebnis-Orientierung vs. Prozess-Orientierung

Die meisten Menschen müssen in Schule, Studium oder Beruf klar definierte Leistungen erbringen. Damit verbunden ist oft eine gewisse Freizügigkeit in Bezug auf Zeiteinteilung (Gleitzeit), selbständiges und eigenverantwortliches Arbeiten. Arbeitsabläufe wurden häufig zu „Projekten“ umdefiniert. Wann, wo und wie so ein Projekt erstellt, erarbeitet wurde, ist da eher nebensächlich. Auftragsbeschreibung und Abgabezeitpunkt sind die neuen Kennmarken. Es interessierte vorwiegend nur das Ergebnis. (Irgendwie fallen mir bei dieser Entwicklung so Dinge ein wie Selbstausbeutung, Mobbing, Burn-out-Syndrom.)

Die Erwartungshaltung vieler unserer neuen Teilnehmer ist dieser Konditionierung geschuldet. Sie sind daher auch völlig irritiert, wenn ich Ihnen gleich zu Beginn ihrer ersten Übungsstunde zu verdeutlichen suche, dass sie, was auch immer sie unternehmen, nichts richtig machen können.

Es beruhigt dann wieder ein wenig, wenn ich sie wissen lasse, dass sie ebensowenig falsch machen können.

Denn Aikido ist ein Übungsweg und durch die Teilnahme an diesem ersten Abend haben sie ein erstes Ziel, also das gewünschte „Ergebnis“, bereits erreicht. Diesen Weg dann weiterzugehen, ist ein prozesshaftes Heranreifen. Ein wie auch immer definiertes Ziel erreichen zu wollen, ist eine schnellstens aufzugebende Illusion. „Denn hinterm Horizont geht‘s immer weiter. Und ein Ende wird nie in Sichtweite kommen!“

Rückblick

Nach einer gewissen Zeit fordere ich gerne mal dazu auf, einmal rückblickend sein Üben JETZT mit dem vom Anfang zu vergleichen. Der bereits erzielte Fortschritt, besser das Voranschreiten auf dem Weg, wurde bislang immer spontan erkannt. Was sehr motivierend sein kann und durchaus von Zeit zu Zeit wiederholt werden sollte.

Diese Wahrnehmung läßt deutlich das prozesshafte erkennen, aber verdeutlicht auch, das dieser Prozess nie gradlinig verläuft. Er kann ziemlich steil nach oben gehen, aber auch gradlinig verlaufen mit nur leicht steigender Tendenz. Oder auch mal zum Stillstand kommen. Wer allerdings bereits viele Jahre oder sogar Jahrzehnte diesen Übungsweg geht, kommt davon wohl kaum noch los.

Zuschauer und Beobachter

Ist das nicht dasselbe? Beileibe nicht! Ein Zuschauer orientiert sich an einem zeitlich begrenzten äußeren, spektakulären, offensichtlichen Geschehen. Er ist an dem, was er sieht und hört, innerlich wertend beteiligt. Am eindrucksvollsten zu erkennen bei Spielen der Fußball-Bundesligen. Hier fiebert er mit seiner Mannschaft, feuert sie an, ärgert sich lauthals über den Schiedsrichter und lässt seinen Emotionen freieren Lauf als manchmal angemessen.

Der Beobachter hingegen steht einem äußeren Geschehen distanziert und emotional unbeteiligt gegenüber, ohne es in irgendeiner Form zu werten.

Der „innere“ Beobachter

Im Aikido, wo es eine dem Sport vergleichbare Zielvorstellung nicht gibt, ist ein anderer „Beobachtertypus“ gefragt, nämlich ein „innerer“. Hier ist der Beobachter auf ein inneres Geschehen äußerer Bewegungsabläufe konzentriert. Idealerweise ist er vollkommen präsent im gegenwärtigen Augenblick. In den körperlichen Aikido-Übungen nimmt er genau wahr, WIE wir machen, WAS wir machen; insbesondere, was wir spüren und fühlen. Und das ohne jegliche Wertung oder Beurteilung. Er lobt nicht, wenn sich eine Übung als besonders gelungen anfühlt, und missbilligt nicht, wenn sie durch einen Fehler nicht funktioniert. Der „innere“ Beobachter zeigt nur auf und lässt uns die Wahl, bei der Wiederholung der Übung das wahrgenommene zu berücksichtigen. Auf diese Weise lässt sich durch Fehler wunderbar lernen. Darum dürfen wir, ja müssen wir sogar, in unserem Aikido-Üben Fehler geschehen lassen.

„Ich bin der Beobachter und der Beobachtete.“

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