Soloübungen – und die Stille

Oldschool-Soloübungen-2003
Lesezeit: etwa 2 Minuten

Eine Stille, die mich eher irritierte als einlud.
Allein zu üben erschien mir fragwürdig und – unnötig.
War Aikido doch Bewegung, Begegnung, Partnerarbeit.
Was also sollte ich in der Leere einer stillen Wohnung finden?

Doch dann geschah etwas Merkwürdiges:

Eine Technik, die am Vortag im Dojo nicht gelingen wollte,
ließ mir keine Ruhe.

Ich probierte sie einfach noch mal – allein.
Und dann noch mal – und noch mal.

Und plötzlich erschienen Details,

die im gemeinsamen Üben unsichtbar geblieben waren –
ein kaum spürbares Drehen im Fuß,
eine Linie, die nicht durchgezogen war,
ein Atemzug, der nicht im richtigen Moment kam.

Damit begann eine Reise.

Je langsamer ich wurde, desto mehr enthüllte sich.

Die Bewegung öffnete sich wie ein Buch,
dessen Seiten ich nie bemerkt hatte.

In der Stille wurde jeder Zentimeter bedeutsam.

Und aus Wiederholung wurde Forschung.

Jo und Bokken wurden zu Lehrern.
Sie zwangen den Körper, ehrlich zu sein.

Sie verrieten jede Unklarheit
und belohnten jedes gelungene Detail.

Kata führte mich weiter,
durch Räume, die ich mir selbst erschuf.

Gegner ohne Gesicht,
Situationen ohne Publikum,
aber voller Bedeutung.

Und irgendwann geschah etwas noch Merkwürdigeres:

Der Alltag begann mitzuspielen.

Gehen wurde zur Übung,
Stehen zur Aufrichtung;

Ein Warten an der Kasse
wurde zu einem Moment des Spürens.

Mir wurde bewusst,
dass Aikido nicht im Dojo beginnt
und schon gar nicht dort endet.

Dann verstand ich:

Wenn ich nur einmal wöchentlich trainiere,
lerne ich Aikido,
wie wenn man ein Buch anschaut,
ohne es zu öffnen.

Der Weg entsteht dort,
wo niemand zusieht.

Dort, wo die Stille beginnt.

Dort, wo die Soloübung zur Begegnung wird –
mit dem eigenen Geist und Körper –

und vielleicht sogar noch mit etwas anderem,
das größer ist als man selbst.


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