Vom Üben zur Verfügbarkeit –
Bewegung, Wahrnehmung und Lernen im Aikido

Lesezeit: etwa 8 Minuten

Irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges. Eine Bewegung, die gestern noch Aufmerksamkeit verlangte, geschieht plötzlich wie von selbst. Die Füße finden ihren Weg, die Hände folgen einer vertrauten Spur, und der Körper scheint etwas zu wissen, ohne darüber nachzudenken.

Wir begegnen diesem Phänomen überall: beim Gehen, Fahrradfahren, Musizieren, Tanzen oder eben auch beim Aikido. Was zunächst mühsam erlernt werden musste, wird mit der Zeit selbstverständlich verfügbar.

Doch was geschieht dabei eigentlich?

Warum bleiben manche Fähigkeiten über Jahre oder sogar Jahrzehnte erhalten? Und weshalb legen traditionelle Bewegungskünste wie das Aikido einen so großen Wert auf die wiederholte Übung ihrer Grundlagen? Diesen Fragen möchte dieser Beitrag nachgehen. Denn hinter dem scheinbar einfachen Vorgang des Übens verbirgt sich ein faszinierender Lernprozess, in dem Wahrnehmung, Bewegung und Erfahrung auf besondere Weise zusammenwirken.

Bewegungsmuster – die Blaupausen unserer Bewegung

Wenn Bewegungen mit der Zeit selbstverständlich werden, muss sich während des Lernens etwas verändern.

Tatsächlich speichert der menschliche Körper keine einzelnen Bewegungen wie Dateien in einem Archiv. Vielmehr entstehen mit der Zeit sogen. Bewegungsmuster, auf die er immer wieder zurückgreifen kann.

Kleinkind, aufgerichtet
Foto: pxhere

Die ersten dieser Muster entstehen bereits in der frühen Kindheit. Vom Robben und Krabbeln bis hin zum aufrechten Gang entwickelt sich nach und nach ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Skelett, Gelenken, Muskeln, Faszien und Gleichgewichtssinn.

Im Laufe der Zeit bilden solche Bewegungsmuster die Grundlage nahezu aller körperlichen Aktivitäten. Sie ermöglichen es uns, einfache oder auch komplexe Bewegungsabläufe auszuführen, ohne jeden einzelnen Schritt bewusst planen zu müssen.

Keine dieser Fähigkeiten entsteht auf einmal. Sie bilden sich durch unzählige Versuche, kleine Korrekturen und wiederholte Erfahrungen heraus. Mit der Zeit werden daraus stabile Bewegungsorganisationen, die uns im Alltag selbstverständlich erscheinen.

Und gerade weil sie so selbstverständlich geworden sind, nehmen wir ihre Bedeutung meist kaum noch wahr. Erst wenn wir etwas Neues lernen oder ein vertrautes Bewegungsmuster verändern wollen, wird spürbar, wie grundlegend diese inneren „Blaupausen“ für unser Handeln sind.

Doch wie entstehen solche Muster eigentlich?

Sie sind kein starres Programm, das einmal festgelegt wird und dann unverändert bleibt. Vielmehr sind sie das Ergebnis eines sehr lebendigen Lernprozesses zwischen Wahrnehmung, Versuch und Anpassung.

Jede Bewegung wirkt dabei auf den Körper zurück. Jede Wiederholung verändert ein wenig die Qualität dessen, was wir tun. Und jede Aufmerksamkeit, die wir auf eine Bewegung richten, beeinflusst, wie sie sich entwickelt.

Lernen durch Wahrnehmung

An diesem Punkt lohnt sich ein Blick auf die Arbeit von Moshé Feldenkrais.

Er hat den Lernprozess von Bewegung als eine Frage der inneren Wahrnehmung äußerer Bewegungsabläufe verstanden.

Nicht was wir üben, sondern WIE wir üben.

Bewegung wird nach diesem Verständnis nicht verbessert, indem sie einfach nur wiederholt wird. Sie verändert sich dann, wenn wir beginnen, sie bewusster wahrzunehmen – in ihren kleinen Unterschieden, ihren Spannungen, ihren oft unvermuteten Übergängen in ganz andere Körperbereiche.

In dieser Perspektive verschiebt sich der Schwerpunkt des Lernens: weg von der reinen Ausführung hin zur erforschenden Aufmerksamkeit.

Eine Bewegung wird nicht „richtig gemacht“, sondern im Prozess des Wahrnehmens allmählich verfeinert.

Damit entsteht ein Lernraum, in dem nicht das Ergebnis im Vordergrund steht, sondern der Weg dorthin.

Er nannte dies „organisches Lernen“.

Was Musiker und Tänzer längst wissen

Dieses Zusammenspiel von Wiederholung, Wahrnehmung und Verfeinerung ist keineswegs auf Bewegungskünste wie das Aikido beschränkt.

In der Musik zeigt sich dasselbe Prinzip sehr deutlich.

Niemand lernt ein Instrument, indem er ein Stück nur einmal richtig spielt. Musikerinnen und Musiker arbeiten mit Tonleitern, einfachen Figuren und grundlegenden Bewegungsabläufen. Diese werden unzählige Male wiederholt, variiert und verfeinert, bis sie nicht mehr als einzelne Handlungen erscheinen, sondern Teil eines fließenden Könnens werden.

Ähnlich verhält es sich im Tanz.

Auch hier entstehen komplexe Choreografien nicht aus dem ersten Versuch heraus. Sie setzen sich aus einfachen Grundschritten zusammen, die so lange geübt werden, bis sie selbstverständlich werden. Erst dann kann sich die Aufmerksamkeit von der reinen Ausführung lösen und auf Ausdruck, Rhythmus und Raum richten.

In beiden Fällen geschieht etwas Entscheidendes:

Die bewusste Anstrengung tritt allmählich zurück, ohne dass das Können verloren geht.

Was zuvor Aufmerksamkeit erforderte, wird zu einer stabilen inneren Struktur.

Das, was gelernt wurde, verschwindet nicht – es verändert seinen Modus.

Körpergedächtnis – wenn Bewegung verfügbar wird

Wenn Bewegungen über längere Zeit wiederholt und zugleich aufmerksam ausgeführt werden, geschieht etwas Unscheinbares und zugleich Grundlegendes. Die „Blaupausen“ der Bewegungsmuster prägen sich langsam ins Körpergedächtnis ein.

Sie werden Teil eines inneren Gedächtnisses des Körpers.

Damit ist nicht ein Speicher im technischen Sinn gemeint, sondern die Fähigkeit des menschlichen Organismus, erlernte Bewegungs- und Handlungsmuster so zu organisieren, dass sie ohne bewusste Steuerung abrufbar werden.

Bewegungen, Haltungen und Abläufe stehen dann nicht mehr im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Sie sind verfügbar geworden.

Das zeigt sich in alltäglichen Fähigkeiten ebenso wie in komplexen Tätigkeiten: beim Gehen, beim Fahrradfahren, beim Schreiben oder beim Spielen eines Instruments. Was einmal mühsam gelernt wurde, kann später ohne bewusste Planung abgerufen werden – sogar unter veränderten Bedingungen.

Diese Form des Gedächtnisses ist eng mit Erfahrung verbunden. Sie speichert nicht nur „wie etwas gemacht wird“, sondern auch die Qualität, mit der etwas gelernt wurde: Aufmerksamkeit, Spannung, Unsicherheit, Sicherheit.

Deshalb bleibt einmal Erlerntes oft über lange Zeit erhalten, selbst wenn es nicht regelmäßig geübt wird.

Das Körpergedächtnis ist damit kein statischer Speicher, sondern ein lebendiges Organisationsprinzip von Erfahrung.

Und genau hier schließt sich der Kreis zu den Bewegungsmustern: Was sich dort als Struktur gebildet hat, wird hier als Verfügbarkeit erlebt.

Die Brücke zum Aikido

Im Aikido wird genau dieses Zusammenspiel von Bewegungsmustern, Wahrnehmung und Körpergedächtnis unmittelbar erfahrbar.

Die verschiedenen Übungsformen – vom ruhigen, kooperativen Üben bis hin zu dynamischeren und freieren Trainingssituationen – schaffen unterschiedliche Bedingungen, unter denen sich Bewegungen entwickeln, stabilisieren und schließlich verfügbar werden.

Was zuvor als allgemeines Prinzip beschrieben wurde, zeigt sich hier in konkreter Praxis: Eine Technik wird nicht nur gelernt, sondern durch wiederholtes, bewusstes Üben in den Körper eingeschrieben – oder besser gesagt: als Handlungsmöglichkeit verankert.

Dabei geht es nicht um das bloße „Können“ einzelner Techniken. Entscheidend ist die Entwicklung einer Bewegungsqualität, die in unterschiedlichen Situationen tragfähig bleibt.

So werden Grundtechniken (Kihon-Waza) zu Trägern eines tieferliegenden Verständnisses von Bewegung. Sie sind Ausgangspunkt, nicht Endpunkt des Lernens.

Je länger und bewusster diese Grundlagen geübt werden, desto stärker prägt sich eine innere Struktur aus, die nicht mehr an einzelne Formen gebunden ist.

Diese Struktur ist es, die im späteren freien Üben, im Kontakt mit Partnern und in unerwarteten Situationen wirksam wird.

Aikido erscheint damit nicht als Sammlung einzelner Techniken, sondern als ein Feld, in dem sich Bewegung, Wahrnehmung und Erfahrung zu einer gemeinsamen Kompetenz verbinden.

Warum manche Bewegungen
nach Jahren noch verfügbar bleiben

Es gibt Bewegungen, die wir einmal gelernt haben und nie wieder verlieren.

Nicht, weil wir sie ständig wiederholen.

Sondern weil sie in einer bestimmten Qualität gelernt wurden.

Wenn Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und wiederholte Erfahrung zusammenkommen, entstehen stabile Bewegungsorganisationen. Diese sind nicht an einzelne Trainingsphasen gebunden, sondern bleiben als innere Struktur erhalten.

Darum kann ein Fahrradfahrer auch nach Jahren wieder aufsteigen und fahren. Oder ein Musiker nach langer Pause ein Instrument wieder aufnehmen. Oder ein Mensch sich in eine Bewegung zurückfinden, die lange nicht mehr ausgeführt wurde.

Das Gelernte ist nicht verschwunden.

Es war lediglich nicht im Vordergrund.

Im Aikido zeigt sich dieses Phänomen besonders deutlich.

Techniken, die über längere Zeit bewusst und aufmerksam geübt wurden, stehen später nicht nur als einzelne Formen zur Verfügung, sondern vor allem als verkörperte Bewegungslogik.

Sie erscheinen nicht als Erinnerung im Kopf, sondern als Möglichkeit im Körper.

Deshalb spielt Zeit im Lernen eine andere Rolle, als es zunächst scheint.

Entscheidend ist nicht, wie schnell etwas gelernt wird, sondern wie tief es verankert wird.

So entsteht eine Form von Können, die nicht an den Moment des Übens gebunden bleibt.

Sondern darüber hinaus wirkt.

Im Kihon-Waza erscheinen die Techniken in ihrer klarsten Form.

In der Anwendung verändern sie zwar ihre äußere Gestalt, aber ohne ihre innere Struktur zu verlieren.

Diese Struktur ist es, die eine Anwendung überhaupt erst möglich macht.

Hinweis

Verfügbarkeit entsteht nicht nur im gemeinsamen Üben. Manche Aspekte lassen sich auch in einfachen Soloübungen erkunden – oft gerade dort, wo äußere Anforderungen zurücktreten und Raum für Stille entsteht. Eine solche Perspektive eröffnet der Beitrag »Soloübungen – und die Stille«.


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