Redaktionelle Ergänzungen – Quellen

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Von Buchstaben und Zeichen

In den europäischen Alphabeten stehen einzelne Buchstaben zunächst für Laute. Erst ihre Verbindung zu einer bestimmten Folge ergibt ein Wort und damit eine Bedeutung. Ein einzelnes B bedeutet noch keinen „Baum“ – erst B-A-U-M macht daraus das Wort.

Die chinesischen Schriftzeichen, die auch im Japanischen als Kanji verwendet werden, folgen einem anderen Prinzip. Sie sind nicht einfach Abbildungen von Lauten, sondern stehen in der Regel für bedeutungstragende sprachliche Einheiten. Ein Zeichen wie trägt bereits die Bedeutung „Berg“ und kann im Japanischen je nach Zusammenhang unterschiedlich gelesen werden.

Kanji verbinden damit auf besondere Weise Schriftbild, Bedeutung und Laut. Werden mehrere Zeichen miteinander verbunden, können aus ihren Bedeutungsanteilen wiederum neue Begriffe entstehen. Diese besondere Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung ist der Ausgangspunkt für die folgenden Betrachtungen zu den drei Kanji.

Kanji Ai

Das erste Kanji wird allgemein im Sinne von Vereinigen, Zusammenfügen, Übereinstimmen, Zusammenpassen, Koordination verstanden.

Das kommt in Bezug auf Körperbewegungen im westlich-medizinischen Sinne dem harmonischen Zusammenwirken von Faszien, Muskeln, Sehnen, Gelenken zu einer „Ganzheitlichkeit“ schon recht nahe.

Moshe Feldenkrais, Gründer der nach ihm benannten Feldenkrais-Methode, formulierte es so:

„Nur ein gut organisierter Körper
kann optimal funktionieren.“

Bereits aus einer solch optimierten Körperorganisation kann eine gewisse „innere Stärke“ und Stabilität resultieren. Der Transformation eines wenig für die Kampfkunst geeigneten Alltagskörpers Lebensbedingte einseitige Belastungen oder Fehlhaltungen hinterlassen im Körper oft deutliche Spuren in Form von muskulären Verhärtungen und eingeschränkten Bewegungsbildern. hin zu einem Aiki-Körper Optimierte Körperorganisation, Stehen, Aufrichten, Gehen, Atmen, Entspannungsfähigkeit, konzentrierte Zusammenarbeit der Muskeln und Faszien – damit beginnt die Arbeit zu einem Körper, der nicht nur den Anforderungen einer Kampfkunst gerecht wird, sondern im „normalen“ Leben ein großes Mass an Lebensqualität ermöglicht. ist dies ein nicht zu unterschätzender erster Schritt.

Darüber hinaus findet sich dieses Kanji in vielen Wörtern und Wortverbindungen des japanischen Alltags, in sozialen Beziehungen und auch in philosophischen Zusammenhängen.

Einige Alltagsbeispiele:

相合傘 (Ai-ai-gasa) – gemeinsamer Regenschirm, traditionell auch als Symbol für die Verbundenheit eines Paares;
組合 (Kumi-ai) – Vereinigung, Gewerkschaft, Verband
知り合い (Shiriai) – Bekannter, Bekanntschaft; wörtlich etwa „jemand, den man kennt“.

Aiki

Bereits die alten Krieger Japans kannten diese Verbindung zweier Kanji als klaren Begriff für Innere Kraft.

(Zitat von Markus Rhode, Aikidolehrer mit eigener Schule in Essen, entnommen seinem Kommentarbeitrag vom 15. Juni 2025 in meinem alten Blog.):

Aiki ist das in Verbindung bringen („Ai“) zweier scheinbar gegensätzlicher Kräfte, zweier „Ki“ (Yin – Yang, Himmel – Erde, Feuer – Wasser), die durch „Intent“ (Yi) im eigenen Körper vereint werden, was eine Wirkung auf angreifende Kräfte hat, indem diese scheinbar neutralisiert werden oder sogar eine Gegenreaktion spürbar wird, etwa in der Art eines gefühlten „elektrischen“ Schocks oder dem sofortigen kompletten Gleichgewichtsverlust.

Das entspricht in etwa dem, was Personen, die M. Ueshiba angegriffen haben, berichteten.

Die Wirkung beruht auf einer Konditionierung der myofaszialen Strukturen, die nur durch intensives spezielles Aiki-Training (Aiki-in-yo-ho) realisierbar ist, das körperliche und mentale Anteile hat.

Die Trainingsmethode wurde von Sokaku Takeda nur an einige ausgewählte Schüler weitergegeben, u. a. an Morihei Ueshiba, der jedoch seinerseits auch nur wenige Schüler in dieser Methode unterrichtet hat.

Im heutigen modernen Aikido ist Aiki als Fähigkeit nur bei sehr wenigen Personen vorhanden und wird auch als Zielvorstellung des heutigen Aikido vom jetzigen Doshu nicht unterstützt.

Interpretationen von Aiki als „harmonische bzw. natürliche Bewegung“ oder dergleichen beruhen vor allem auf der Unkenntnis dessen, was Ueshibas „Aiki“ tatsächlich ausmachte.

Ueshiba war ja nicht dafür berühmt, dass er schöne harmonische Bewegungen machte, sondern dafür, was er mit einem realen Angreifer tatsächlich tun konnte, und dass diese, ohne zu wissen, was passiert war, einen Zustand des kompletten Verlustes ihrer Kraft, ihres Gleichgewichts und ihrer Koordinierung erfuhren.

Aiki-do ist der Weg des Aiki.

(Zitatende)

Eine kleine sprachliche Anmerkung sei hier noch erlaubt: Aus 合気 (Aiki) wird in der Umkehrung der beiden Kanji 気合 (Kiai) ein anderer Begriff, Kiai, ein durchdringender, sowas wie Schockstarre auslösender Kampfschrei.

Missverständlich

In anderen Zusammenhängen wird dem Laut „Ai“ eine ganz andere Bedeutung zugeordnet, nämlich „Liebe“ im emotionalen oder spirituellen Sinne. Auch dieses „Ai“ findet sich in zahlreichen alltäglichen wie philosophischen Begriffen – allerdings wird es durch ein anderes Kanji repräsentiert: 愛.

Auch hierzu einige Alltagsbeispiele:

恋愛 (Ren’ai) – romantische Liebe, Liebesbeziehung;
親愛 (Shin’ai) – aufrichtige, innige Zuneigung, etwa im Sinne von „lieber Freund“;
愛国 (Aikoku) – Vaterlandsliebe, Patriotismus;
愛好 (Aikō) – Vorliebe, Leidenschaft für etwas.

Aus Unkenntnis können solche unterschiedlichen Bedeutungen schon einmal in seltsame Interpretationsversuche einfließen und dadurch ein verzerrtes Bild einer Kampfkunst erzeugen.

Für den Aikidobegründer war sein Aikido nach eigener Aussage der Weg der Götter.

Er hat zwar häufig darauf verwiesen, dass Aikido Liebe sei. Dabei bezog er sich jedoch auf seine persönlichen spirituellen Erfahrungen einer unendlichen, göttlichen, alles durchdringenden Liebe. Damit wollte er zugleich den Unterschied seines Verständnisses von „Aiki“ gegenüber dem der alten Krieger deutlich machen.

Ohne eigene religiös-spirituelle Erfahrungen sind solche Zusammenhänge zwischen Kampfkunst und Spiritualität allerdings nur schwer zu vermitteln.

Das entspricht auch nicht unseren gängigen Vorstellungen von Liebe, die wohl eher von den Ideen des Zeitalters der Romantik geprägt sind.

Sprachwissenschaftlich sind die beiden „Ai“ gleich ausgesprochen, werden aber durch jeweils andere Kanji geschrieben und haben unterschiedliche Bedeutungen. Es handelt sich also um gleichlautende, aber bedeutungsverschiedene Wörter .

Ähnliches kennen wir im Deutschen bei „Leere“ und „Lehre“: Beide Wörter werden gleich ausgesprochen, bedeuten aber etwas völlig anderes und werden unterschiedlich geschrieben.

Kanji Ki

Ki lässt sich nur schwer mit einem einzigen deutschen Wort übersetzen.

Je nach Zusammenhang kann es Atem, Lebenskraft, Befindlichkeit, innere Kraft, Energie oder auch eine bestimmte Atmosphäre oder Stimmung bezeichnen.

Hierzulande ist Ki vor allem durch die chinesische Bezeichnung Qi beziehungsweise Chi bekannt, etwa aus Tai Chi oder Qi Gong.

Das zweite Kanji steht damit für eine Vorstellung von einer Kraft oder Energie, die nicht nur dem einzelnen Menschen, sondern der Welt und ihren Erscheinungen innewohnt.

Oder, um einmal eine ganz andere Sprache sprechen zu lassen, wie Meister Yoda, hoher Rat im Jedi-Orden:

Das Leben sie erschafft,
zur Entfaltung sie bringt,
ihre Energie uns umgibt,
verbindet mit allem uns,
fühlen du sie musst,
zwischen dir, mir,
dem Baum, dem Felsen dort,
allgegenwärtig – ja!

Möge die Macht mit dir sein!

Hier und Heute

Eckhart Tolle ist ein prominenter deutsch-kanadischer spiritueller Lehrer unserer Zeit. Er spricht vom Manifesten als der sichtbaren physischen Welt. Die für uns nicht sichtbare und auch nicht ohne Weiteres zugängliche Quelle aller Dinge bezeichnet er als das Unmanifeste.

„Das Unmanifeste ist die Quelle des Chi. Chi ist auch das innere Energiefeld Deines Körpers. Es ist die Brücke zwischen Dir und der Quelle [. . .] Chi kann mit einem Energiestrom verglichen werden [. . .] Chi ist Bewegung, das Unmanifeste ist Stille … Chi ist die Verbindung zwischen der nichtsichtbaren Quelle und dem physischen Universum.“ *)


*) Eckhart Tolle, Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, „Die Quelle des Chi“, S. 140 ff.

Wenn die Vorstellung vom Unmanifesten dem Dao der chinesischen und dem Gott der christlichen Welt entspricht, möchte ich – in Anlehnung an eine chinesische Weisheit – wie folgt formulieren:

„Das Unmanifeste/Dao/Gott, das sich beschreiben lässt, ist nicht das Unmanifeste/Dao/Gott.“

Ki ist die Kraft, die die Welt
im Innersten zusammenhält.

Kanji Do

Das dritte Kanji 道 (Dō) bedeutet Pfad, Weg, Straße.

Wege gibt es viele: Fahrradwege, Waldwege, Feldwege, Umwege, Irrwege, Handelswege. Es gibt auch Pilgerwege, Glaubenswege und Wege im Budō wie Jūdō, Kendō, Iaidō, Karatedō, Aikidō oder Kyūdō. Oder den Weg des Blumensteckens (Kadō), der Teezeremonie (Sadō/Chadō) oder der Kalligraphie (Shodō). Und viele andere.

Die einen Wege zeigen dir Ortsveränderungen an – andere Wege weisen zu DIR SELBST.

DEIN persönlicher Weg entsteht dann, wenn DU von etwas fasziniert bist und dieser Faszination übend, mit Kontinuität und Hingabe, folgst.

Deshalb ist es wichtig, einen guten Sensei zu finden, einen Lehrer des Weges, der selbst schon lange auf dem Weg ist.

Folge aber nicht den Spuren Deiner Sensei –
sondern suche, was sie gesucht haben!

Historische Spuren

Morihei Ueshiba bezog sich bei seinen Erläuterungen zu Aikido wiederholt auf Vorstellungen und Bilder aus dem **Kojiki**, der ältesten erhaltenen Sammlung japanischer Mythen und Überlieferungen.

Eine besonders bemerkenswerte Spur findet sich bei seinem Besuch des Tsubaki Grand Shrine im Frühjahr 1958. Der damalige Oberpriester Yukitaka Yamamoto überliefert, Ueshiba habe Aikido als „Misogi“ bezeichnet und davon gesprochen, auf der „Ame-no-Ukihashi“, der „schwebenden Brücke des Himmels“, zu stehen. Diese Brücke verbindet in der japanischen Mythologie Himmel und Erde. Ueshiba bezeichnete Aiki in diesem Zusammenhang als einen Weg, Himmel und Erde zu vereinen.

Eine weitere, zeitlich spätere Brückenmetapher ist von Ueshibas Reise nach Hawaii im Februar 1961 überliefert. Dort sagte er, er sei nach Hawaii gekommen, um eine „silberne Brücke“ zu bauen. Bis dahin habe er in Japan eine „goldene Brücke“ gebaut, um Japan zu vereinen. Nun wolle er eine Brücke errichten, die die verschiedenen Länder der Welt miteinander verbindet.

Ob zwischen diesen unterschiedlichen Brückenbildern ein unmittelbarer gedanklicher Zusammenhang besteht, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht sicher ableiten. Bemerkenswert bleibt jedoch, dass die Vorstellung einer „Brücke als Verbindung“ in Ueshiba’s überlieferten Äußerungen mehrfach erscheint.

Ein Name für eine Kampfkunst

Der Name Aikidō (合気道) entstand nicht einfach dadurch, dass Morihei Ueshiba seine Kampfkunst eines Tages so benannte.

Im Jahr 1942 wurde die Bezeichnung im Zusammenhang mit dem Dai Nippon Butokukai, dem damals staatlich kontrollierten Dachverband der japanischen Kampfkünste, eingeführt. Ueshibas Kunst war bis dahin unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt, insbesondere als Aiki-Budō.

Eine wichtige Rolle spielte dabei Hirai Minoru, der seit 1942 als Leiter der allgemeinen Angelegenheiten des Kobukan, Ueshibas Dōjō in Tokyo, tätig war und als dessen Vertreter an den Beratungen des Butokukai teilnahm.

Hirai schilderte später selbst, dass innerhalb des Butokukai in mehreren Sitzungen über eine geeignete Bezeichnung für die neu zu ordnende Gruppe von Budō-Systemen diskutiert wurde. Der Vorschlag, dafür den Namen Aikidō zu verwenden, stammte nach seiner Erinnerung von Taishō Hisatomi vom Kodokan. Hirai war an diesen Beratungen maßgeblich beteiligt.

Die Bezeichnung war zunächst also nicht ausschließlich der Name für Ueshibas persönliche Kampfkunst, sondern diente im Butokukai als übergreifende Bezeichnung für verschiedene auf Jūjutsu beruhende Systeme. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Aikidō zunehmend als Eigenname für die von Ueshiba entwickelte Kampfkunst durch.

Damit ist die Geschichte des Namens etwas komplizierter, als es die häufig anzutreffende Erklärung vermuten lässt, Hirai Minoru habe den Namen Aikidō allein vorgeschlagen oder erfunden.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Ueshibas eigene Kunst noch 1942 zeitweise als Tenshin-ryū Aiki-Budō bezeichnet wurde. Die Benennung befand sich also auch damals noch im Wandel.

Die drei Zeichen 合・気・道 waren damit zunächst ein Name. Welche Bedeutung Ueshiba und seine Schüler später mit diesen drei Zeichen verbanden, ist eine andere Frage – und genau dorthin führt der Hauptbeitrag „Drei Kanji“ zurück.

Anmerkung der Redaktion

Zurück zum Beitrag „Drei Kanji“.



Literaturhinweise


Tolle, E. (2000). Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Kamphausen Verlag, Bielefeld.

Ueshiba, M. (1996). Budo: Teachings of the Founder of Aikido. Tokyo/New York: Kodansha International. Die englische Ausgabe basiert auf Ueshibas 1938 verfasstem Werk und enthält eigene Texte und Dōka des Begründers.
Ueshiba, M. (1993). The Essence of Aikido: Spiritual Teachings of Morihei Ueshiba.* Compiled and translated by John Stevens. Tokyo/New York: Kodansha International. Die Sammlung enthält unter anderem Ueshibas Texte, Dōka und Kalligraphien sowie Ausführungen zu Misogi und den spirituellen Grundlagen seines Aikido.
 
Hirai, M. (Interview). Interview with Minoru Hirai. Aiki News, Nr. 100. Das Interview enthält Hirais eigene Erinnerungen an seine Tätigkeit im Kobukan und seine Beteiligung an den Beratungen des Dai Nippon Butokukai über die Bezeichnung „Aikidō“.
Pranin, S. (2002). „Kobukan Dojo Era, Part 2 – Dai Nippon Butokukai and the naming of aikido“. Aikido Journal. Eine ausführliche historische Einordnung der Namensgebung und der Rolle des Dai Nippon Butokukai.

Weblinks


 Tsubaki Grand Shrine of America – Misogi & Aiki, Überlieferung von Rev. Dr. Yukitaka Yamamoto über Morihei Ueshibas Besuch des Tsubaki Grand Shrine 1958 und seine Aussagen zu Misogi, Aiki und der Ame-no-Ukihashi.
The History of Aikido in Hawaii, historische Dokumentation zur Entwicklung des Aikido auf Hawaii und zu Morihei Ueshibas Besuch im Februar 1961, einschließlich der überlieferten Aussage von der „goldenen“ und „silbernen Brücke“.
Morihei Ueshiba – Three Doka and the Aiki O-Kami, weiterführende Untersuchung der Bezüge zwischen Ueshibas Dōka, Aiki, Kojiki und der Ame-no-Ukihashi.
 
Interview with Minoru Hirai, Aiki News Nr. 100. Originalinterview mit Minoru Hirai über seine Tätigkeit im Kobukan und seine Rolle innerhalb des Dai Nippon Butokukai.
Kobukan Dojo Era, Part 2 – Dai Nippon Butokukai and the naming of aikido, Stanley Pranin, Aikido Journal. Historische Darstellung der Entstehung und Verwendung des Namens „Aikidō“.
A Look Into Tenshin-ryu Aiki-budo, Guillaume Erard. Enthält die Übersetzung einer zeitgenössischen Mitteilung aus „Shin Budō“, April 1942, in der Ueshibas Kunst als Tenshin-ryū Aiki-budō bezeichnet wird.



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