Verlöschendes Feuer

Das Feuer ist fast erloschen. Ein
Lesezeit: etwa 8 Minuten

Das Feuer ist fast erloschen. Nur noch ein letztes Glimmen liegt zwischen den verkohlten Holzstücken in der Feuerschale. Darüber steht der Himmel klar und dunkel. Sterne sind zu sehen, mehr als sonst, und über den Dächern am Rand des Gartens schiebt sich die schmale Sichel des aufgehenden Mondes.

Die Pflanzen, ihre Konturen und dunklen Blätter sind vor dem Hintergrund der zu Ende gehenden Dämmerung noch gut zu erkennen. Hinter dem Zaun stehen die Häuser als gehörten sie zu einer anderen Welt.

Ich sitze auf einem alten Gartenstuhl vor einem noch älteren Baum, leicht nach vorn gebeugt, die Beine übereinandergeschlagen.

Vor mir die Feuerschale.

Ich sehe in die verglimmende Glut.

Es ist merkwürdig, wie viel Ruhe ein Feuer erzeugt; gerade dann, wenn es beinahe ausgebrannt ist.

Ich nehme das letzte Stück Holz, das neben mir liegt, und werfe es hinein.

Ich weiß, dass die Flamme sich daran nicht mehr entzünden wird.

Warum tue ich es trotzdem?

Vielleicht, weil manche Dinge eine letzte Geste brauchen.

Vielleicht auch, weil ich noch nicht weiß, was der morgige Tag für mich bereithält.

Vor einigen Monaten hatte ich einen medizinischen Check machen lassen. Nichts Besonderes. Eine dieser Untersuchungen, die man in meinem Alter gelegentlich über sich ergehen lässt.

Der Arzt sah sich die Ergebnisse an, sah dann mich an und sagte:

„Für Ihr doch recht fortgeschrittenes Alter sind Sie erstaunlich gut in Form.“

Ich wusste nicht recht, ob ich mich darüber freuen oder was ich von der Einschränkung halten sollte, die in diesem Satz steckte.

Er riet mir, etwas für mich zu tun. Ich solle in Bewegung bleiben und mir etwas suchen, was mir innere Freude machen würde. Auf Regelmäßigkeit achten. Leichte Gerichte bevorzugen, damit meine Organe nicht überfordert würden. Und dann fügte er noch hinzu:

„Im Leben gibt es zwar für nichts eine Garantie. Aber Sie haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, bei guter Gesundheit ein hohes Alter zu erreichen.“

Ich habe genickt.

Eine hohe Wahrscheinlichkeit.

Eine eigentümliche Formulierung.

Nicht das Leben wurde mir versprochen, sondern die Möglichkeit, noch ziemlich lange in ihm zu verweilen.

Also suchte ich mir etwas, das mich in Bewegung hielt.

Etwas, das ich kannte und mir diese innere Freude versprach,

etwas, das ich schon ein Leben lang zu tun liebte.

In der Nähe gab es eine kleine Aikido-Gruppe.

Ihr schloss ich mich an.

Viel sagte ich zunächst nicht.

Das Übungsniveau hatte – wie man so schön sagt – sehr viel Luft nach oben. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich hinging. Ich wollte mich bewegen. Ich wollte sehen, ob sich etwas regte, wenn ich nach langer Zeit wieder regelmäßig übte.

Gleich zu Beginn wurde ich mir meiner körperlichen Grenzen schmerzhaft bewusst. Mein Körper war nicht mehr der von damals. Bewegungen, die früher selbstverständlich gewesen waren, gingen nicht mehr so einfach. Manches war langsamer, anderes mühsamer.

Trotzdem übte ich mit.

Ich ließ gelegentlich erkennen, dass ich manches anders machen konnte. Mehr nicht.

Irgendwann wussten sie dann doch, wer da mit ihnen übte: dass ich der Lehrer ihrer beiden letzten Übungsleiter gewesen war.

Die Menschen dort waren freundlich. Sie übten und hatten Freude daran.

Ich fragte irgendwann ganz offen, ob ihnen das genügte.

Die Antworten waren erstaunlich übereinstimmend.

Ja.

Sie wollten sich bewegen, miteinander üben, ein wenig besser werden.

Mehr brauchten sie nicht.

Ich konnte ihnen darauf nichts entgegnen.

Warum auch?

Sie hatten ihre Freude.

Ich hatte nur meine Erinnerungen.

Und meine Erinnerungen waren etwas anderes.

Über viele Jahre und Jahrzehnte hatte mich eine Begeisterung getragen, die schwer zu erklären ist, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Sie hatte nicht nur mich getragen, sondern viele Menschen in meiner mittelbaren und unmittelbaren Umgebung.

Es war dieses Gefühl gewesen, dass eine Bewegung nie einfach nur eine Bewegung war. Dass man an einer Sache dranbleiben konnte, ohne zu wissen, wohin sie einen führen würde. Dass hinter dem, was man gerade nicht verstand, schon die nächste Frage wartete.

Vielleicht war es diese Ungewissheit, die uns damals so lange bei der Sache hielt.

Wir konnten es nicht.

Deshalb wollten wir es können.

Wir verstanden es nicht.

Deshalb wollten wir es verstehen.

Und je mehr wir übten, desto größer schien die Welt zu werden.

Heute frage ich mich manchmal, ob das wirklich so gewesen ist. Oder ob das Gedächtnis die vergangenen Jahre gern größer macht, als sie waren.

Denn damals war ja auch nicht alles großartig. Es gab Mühen, Streit, Eitelkeiten, Missverständnisse und Enttäuschungen. Wir hielten Dinge für wichtig, die später keine Bedeutung mehr hatten, und übersahen anderes, dessen Bedeutung wir erst viel später erkannten.

Vielleicht verklärt das Alter die Vergangenheit.

Vielleicht war damals gar nicht das Feuer größer.

Vielleicht waren wir nur hungriger.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich es vermisste.

Nicht die Techniken.

Nicht einmal den Unterricht.

Ich vermisste das Feuer.

Eine Begeisterung, die nicht zufrieden war mit dem, was sie bereits konnte. Eine Unruhe, die nicht unangenehm war, sondern lebendig. Etwas, das einen nach dem Üben noch weiterdenken ließ. Etwas, das einen am nächsten Tag wieder ins Dojo brachte.

Davon fand ich in dieser kleinen Gruppe nichts.

Nicht, weil sie etwas falsch gemacht hätten.

Im Gegenteil.

Sie hatten gefunden, was sie suchten.

Nur ich hatte noch nicht gefunden, was ich suchte.

Vielleicht war dieses Feuer eine Sache der Jugend gewesen.

Vielleicht bestand das vernünftige Alter darin, sich regelmäßig zu bewegen, gesund zu essen und den Körper möglichst lange in einem brauchbaren Zustand zu halten.

Aber war das dasselbe wie lebendig zu sein?

Diese Frage gefiel mir nicht.

Deshalb schob ich sie eine Weile beiseite.

Dann kam irgendwann die Erinnerung zurück.

Nicht an einen großen Lehrgang.

Nicht an einen berühmten Lehrer.

Nicht an irgendeinen besonderen Erfolg.

An etwas ganz Kleines.

Ich stand irgendwo in einem Dojo und bekam eine Bewegung nicht hin. Ich war jung. Oder jedenfalls jung genug, um zu glauben, dass man nur lange genug üben müsse, dann würde sich irgendwann alles fügen.

Jemand sagte etwas zu mir.

Vielleicht war es nur ein beiläufiger Satz.

Damals habe ich ihn nicht verstanden.

Heute frage ich mich, ob ich ihn nicht gerade deshalb behalten habe.

Vielleicht ist das überhaupt das Seltsame an einem langen Übungsweg.

Man versteht manches erst dann, wenn man längst aufgehört hat, danach zu suchen.

Vielleicht war es das, was ich über all die Jahre vergessen hatte.

Nicht die Technik.

Nicht die Lehrer.

Nicht die Namen.

Sondern das Offene.

Dass man nicht wissen muss, wohin etwas führt. Dass es genügen kann, eine Frage zu haben, auf die man noch keine Antwort besitzt.

Vielleicht war das Feuer nur Teil der Begeisterung für Aikido.

Vielleicht war es eine unterschwellige Erkenntnis, noch nicht fertig zu sein.

Ich stehe auf und sehe wieder in die Feuerschale.

Das Holzstück hat sich kaum verändert.

Ein wenig Rauch steigt auf.

Keine Flamme.

Ich muss lächeln.

So viel Mühe macht man sich mit dem Leben. Man lässt sich untersuchen. Man achtet auf seine Ernährung. Man bewegt sich regelmäßig. Man versucht, den Körper so lange wie möglich in Gebrauch zu halten.

Alles vernünftig.

Und doch kann niemand einem sagen, wie man verhindert, dass etwas in einem selbst aufhört zu brennen.

Vielleicht kann man das überhaupt nicht verhindern.

Vielleicht ist das gar nicht die Aufgabe.

Der Arzt wollte mir helfen, gesund alt zu werden.

Er hat seinen Teil getan.

Die Menschen in der kleinen Gruppe haben ihren Weg gefunden.

Auch sie haben ihren Teil getan.

Und ich?

Vielleicht muss ich meinen eigenen noch finden.

Nicht den von früher.

Den gibt es nicht mehr.

Der junge Mann, der damals unbedingt verstehen wollte, warum eine Bewegung so und nicht anders sein musste, ist längst verschwunden.

Vielleicht ist das gut so.

Vielleicht muss man älter werden, um etwas anderes zu entdecken.

Ich sehe noch einmal auf das letzte Holzstück.

Es hat nicht gebrannt.

Aber ich habe es trotzdem hineingelegt.

Warum eigentlich?

Ich weiß es noch immer nicht.

Der Mond ist inzwischen ein Stück höher gestiegen. Hinter dem Zaun sind die Häuser nur noch Schatten. Im Garten ist kaum noch etwas zu erkennen.

Vielleicht sollte ich aufstehen.

Vielleicht sollte ich das Feuer einfach ausgehen lassen.

Vielleicht gibt es morgen ja doch noch etwas zu tun.

Nicht unbedingt etwas Großes.

Vielleicht nur etwas, das mich wieder in Bewegung bringt.

Ich bleibe doch noch sitzen.

Und in der Dunkelheit denke ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht darüber nach, was von damals geblieben ist.

Sondern darüber, was noch kommen könnte.

Das Feuer ist erloschen.

Aber irgendwo in der Schale glimmt noch etwas.

Oder bilde ich mir das vielleicht nur ein?


Anmerkung der Redaktion

Wer nochmal auf Spurensuche gehen möchte, findet dort einige Wegmarken aus einer Zeit, die inzwischen verdammt lang her ist.

Ein Sensei begleitet andere auf einem Übungsweg. Nicht indem er ihnen etwas „gibt“, sondern indem er hilft, genauer hinzusehen: auf Bewegung, auf Wahrnehmung, auf den eigenen Körper.

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